Althandys als Goldschatz – oder: der Weg vom Althandy zum Goldbarren

01.02.2013 13:10  Von:: Tim Schieferstein

Wer kennt sich nicht, die Reportagen über Müllkippen in Schwarzafrika, auf denen oft genug Kinder und Jugendliche den Elektroschrott der Ersten Welt nach verwertbaren Rohstoffen durchsuchen?

Elektroschrott
Elektroschrott / Foto: Umicore

Die im letzten Jahrzehnt stark gestiegenen Rohstoffpreise für Edelmetalle, aber auch Seltene Erden haben das Recyclinginteresse der Industrie für den sog. Elektroschrott, darunter auch Handys, wesentlich verstärkt und in den verschiedenen Medien wie in der Politik zum Thema werden lassen. 'Urban Mining' lautet das englische Modewort für den 'Bergbau im städtischen Bereich', der die dicht besiedelte Stadt als riesige Rohstoffmine im Sinne der Rohstoffrückgewinnung sieht – wobei es sich bei der urbanen Mine konkret um die Hosentasche oder Schreibtischschublade des Einzelnen handeln kann.

Sind Althandys Gold wert? Das Computermagazin CHIP zerlegt einen Mythos

"Althandys sind Gold wert" – dieses Mythos nahm sich das Computermagazin CHIP in Heft 12/2012 mit konsequenter Gründlichkeit an. Die selbsterklärten Mythenjäger des Magazins zerlegten ein Althandy in seine Einzelteile und analysierten das Ergebnis. Lohnt sich also das Recycling für den Einzelnen?

Mobiltelefone als Goldgrube
Grafik: CHIP Heft 12/2012

In der Tat finden sich im Handy wie in jedem elektronischen Bauteil wertvolle Metalle und sogar Seltene Erden. Den größten Anteil an den Metallen nimmt Kupfer ein, immerhin bis max. 15 g pro Gerät, im Durchschnitt der Geräte nur 8,75 g. Ebenfalls über 1 g Gewicht enthält ein Durchschnittshandy an Kobalt (3,81 g), Eisen (3 g) sowie Zinn (1 g). Tantal, eine der Seltenen Erden, die aus dem Erz Coltan gewonnen wird, liegt dagegen bei nur 0,4 g je Handy. Noch geringer sehen die Werte bei Edelmetallen aus. Das Durchschnittshandy besitzt 0,25 g Silber und 0,024 g Gold, ferner noch 0,009 g Palladium.

2 Tonnen Gold und 21 Tonnen Silber lagerten 2011 in Deutschlands Althandys

BITKOM-Studie 2011 / Grafik: www.bitkom.orghrott
BITKOM-Studie 2011 / Grafik: www.bitkom.org

Für sich genommen erscheinen die genannten Zahlen unbedeutend, doch beträgt der Gesamtwert an seltenen Rohstoffen in einem Durchschnittshandy immerhin etwas über 2 Euro. Allein in Deutschland lagen 2011 der jährlich erscheinenden Studie des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) zufolge, die auf einer Befragung von 1.000 Personen im Alter ab 14 Jahren beruht, hochgerechnet ca. 83 Mio. (2012: ca. 85 Mio.) Handys und SmartPhones ungenutzt herum – und damit 21 t Silber, 2 t Gold und 0,7 t Palladium. Bedenkt man, dass diese wertvollen Metalle und Seltenen Erden überwiegend in Schwellen- und Entwicklungsländern wie China, Kongo und Südafrika aufwendig und in Bezug auf Umweltschutz, Ressourcenschonung und soziale Aspekte unter kritischen Bedingungen gewonnen und weiterverarbeitet werden, ist diese Bilanz erschreckend. Eine mäßige Goldmine enthält nur 1 g Gold auf 1 t Erzgestein – das entspricht dem "Goldvorkommen" in 41 Handys!

Rund 80% der in einem Handy verwendeten Materialien konnen inzwischen wieder verwendet werden. Inzwischen haben sich eine ganze Reihe von Rücknahmewegen etabliert. Der genannten BITKOM-Studie 2011 zufolge entsorgen 13% ihre Altgeräte über die Mobilfunkbetreiber, 8% spenden sie für einen guten Zweck und 7% geben sie bei einer kommunalen Sammelstelle ab. 2% erklärten in der Befragung freimütig, den Weg über den Hausmüll gewählt zu haben, obwohl dieser durch das Elektrogerätegesetz für Elektroschrott verboten ist und mit Bussgeld geahndet wird.

Die in der BITKOM-Studie genannten Prozentzahlen erhalten ein andere Dimension, wenn man die weiteren "Entsorgungswege" betrachtet. 23% verschenken ihr Altgerät, 30% heben es auf – mithin keine Entsorgung, sondern nur eine Weitergabe bzw. Vertagung des Themas Althandyentsorgung. Ein hoher Prozentsatz von 17% machte überdies in der Befragung gar keine Angaben.

Nur 2% Recylingquote von Althandys in Deutschland

35 Millionen neue Mobiltelefone werden jedes Jahr in Deutschland gekauft. Im Schnitt werden sie nach nur 18 Monaten im Einsatz bereits durch ein technisch fortgeschritteneres Gerät ersetzt. Tatsächlich im Materialrecycling landen von ihnen deutlich weniger als 5%. Jährlich werden allein in Deutschland geschätzte 10 Millionen Handys im Müll entsorgt – und damit rund 350 kg Gold im Wert von ca. 14 Mio Euro auf die Deponie verbracht.

Materialprobenentnahme bei Umicore in Belgien
Materialprobenentnahme bei Umicore in Belgien / Foto: Umicore

Diese schlechte Recyclingquote der Handyaltgeräte ist in erster Linie der unzureichenden Sammellogistik geschuldet. In Deutschland werden daher schon länger Lösungen wie ein Pfandsystem für Handys, eine "Handy-Tonne" u. ä. diskutiert, um die Rücklaufquote zu erhöhen.

Auch die EU hat sich dieses Themas angenommen und am 13.08.2012 eine neue Elektro- und Elektronikaltgeräte-Richtlinie in Kraft gesetzt, die Deutschland bis zum Februar 2014 in nationale Gesetze umsetzen muss. Die neue Richtlinie verpflichtet u.a. den Handel zur uneingeschränkten Rücknahme von Elektrokleingeräten wie Handys.

Recycling von Althandys nur von vier Unternehmen in Europa beherrscht  – oder: wie das "Handygold" in die Goldbarren findet

Nur fünf Unternehmen recyceln bisher in Europa Handyaltgeräte sachgerecht und effizient; Marktführer ist der belgische Umicore-Konzern. Dort werden die Handys zuerst geschreddert, dann mit über 1100 Grad geschmolzen und in einem komplexen chemischen Verfahren, der insgesamt vier Monate dauert, die einzelnen Metalle aus der Schmelzmasse herausgelöst.

Am Ende des Recyclingprozesses liegt das Gold als Granulat vor, das an industrielle Abnehmer verkauft und so unter anderem wieder in Handys landet, aber ebenso auch in anderen Sparten des Konzerns Verwendung findet – und damit auch in Gold- und Silberbarren endet, die Umicore herstellt.

Gold- und Silbergranulat am Ende des Recyclingsprozesses
Gold- und Silbergranulat am Ende des Recyclingsprozesses / Foto: Umicore

Neben den Edelmetallen Gold, Silber, Platin und Palladium werden bei Umicore noch 13 weitere Metalle aus dem Althandyschrott zurückgewonnen, vor allem Kupfer, aber auch Blei, Nickel, Wismut, Zinn, Antimon oder Indium.

Für Seltene Erden standen bisher weltweit noch keine wirtschaftliche Lösungen bereit, doch ging Ende 2012 ging in Frankreich die weltweit erste Recycling-Anlage in Betrieb.



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