Analyse der langfristigen Preisentwicklung von Gold und Silber

28.11.2013 16:46  Von:: Tim Schieferstein

Dieser Beitrag stammt aus der Feder von Dr. Jochen Dehio, Fachbuchautor des Buches "Gold oder Silber - wem gehört die Zukunft?"

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Der innere Wert der Edelmetalle Gold und Silber hängt von der Häufigkeit der unterirdischen Vorkommen und überirdischen Bestände ab sowie vom Arbeits- und Kapitaleinsatz, der für ihre Förderung aufgewendet werden musste. Der tatsächliche Marktwert weicht in der Regel aber mehr oder weniger deutlich von diesem inneren Wert ab. Er wird maßgeblich von den Angebots- und Nachfrageentwicklungen auf den Edelmetallmärkten sowie einigen weiteren Faktoren bestimmt. Welche das sind, was in den kommenden Jahren zu erwarten ist und welche Ursache-Wirkungs-Mechanismen dem zugrunde liegen, ist Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen.

Edelmetallbestände und Edelmetallressourcen

Große Auswirkung auf die Preishöhe und -entwicklung haben die Edelmetallbestände und -ressourcen. Die Höhe der überirdischen Bestände resultiert dabei aus der Minenförderung abzüglich unwiederbringlicher Verluste beim Edelmetallverbrauch der Industrie, zuzüglich der durch Recycling wiedergewonnenen Mengen. Das seit Beginn der Edelmetallförderung erhalten gebliebene überirdisch physische Gold in Form von Münzen, Barren, Schmuck und Kunstgegenständen entspricht mit 0,15 Mill. Tonnen aufgrund der vergleichsweise geringen industriellen Bedeutung noch rund neun Zehnteln der jemals geförderten Goldmenge, dagegen blieben mit knapp 0,7 Mill. Tonnen nur rund zwei Fünftel des jemals geförderten Silbers erhalten. Die Relation von überirdischem physischem Gold und Silber liegt somit bei 1 zu 5. Die Relation der unterirdischen Gold- und Silberressourcen beträgt nach derzeitigem Erkenntnisstand zwischen 1 zu 5 und 1 zu 6. Bezogen auf die Höhe der Nachfrage ist Gold sowohl bezüglich der überirdischen Bestände als auch der unterirdischen Ressourcen weniger knapp als Silber.

Förder- und Nutzungsgrenzkosten

Ein weiterer zentraler Bestimmungsfaktor für die Edelmetallpreise ist die Angebots- und Nachfrageentwicklung. Längerfristig orientiert sich die Angebotshöhe an den Fördergrenzkosten. Diese reduzieren sich durch

  • neue Förder- und Recyclingmethoden sowie
  • Neufunde von Edelmetallen.

Dagegen erhöhen sich die Fördergrenzkosten aufgrund

  • der Erschöpfung kostengünstig abbaubarer Ressourcen sowie
  • sinkender Mineralisierungsgrade.

Die Nachfragehöhe wiederum orientiert sich an den Nutzungsgrenzkosten, die letztendlich dem Verzicht auf künftige Gewinne durch einen heutigen Abbau entsprechen. Sie werden z.B. durch Substitutionseffekte reduziert, indem beispielsweise in der Industrie oder in der Schmuckherstellung Edelmetalle durch andere, preisgünstigere Materialien substituiert werden. Die Nutzungsgrenzkosten erhöhen sich dagegen durch

  • eine steigende monetäre Funktion der Edelmetalle,
  • zunehmende Inflationserwartungen sowie
  •  eine expandierende Industrienachfrage.

Empirische Analysen zeigen zudem auf, dass die Gold- und Silberpreise aufgrund der folgenden Bestimmungsfaktoren steigen (sinken) können:

  • niedrige (hohe) Zinsen,
  • steigende (sinkende) Geldmenge sowie
  • sinkendes (steigendes) Vertrauen in das ungedeckte Papiergeldsystem.

Ökonometrische Analysen widerlegen dagegen ein verbreitetes Vorurteil, denn Edelmetall- und Börsenrendite entwickeln sich nahezu unabhängig.

Ursachen der bisherigen Entwicklung der Edelmetallpreise

Eineinhalb Jahrtausende lang lag die Gold-Silber-Ratio – also die Relation zwischen dem Gold- und Silberpreis – relativ konstant bei einem Wert von 15, was dem umgekehrten Verhältnis der Edelmetallanteile in der Erdkruste entsprach. Im 20. Jahrhundert schwankte sie dann zwischen 15 und 100, aktuell liegt sie bei etwa 60. Der Grund für den Anstieg der Ratio im vergangenen Jahrhundert war, dass die Edelmetalle, die seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. als Geld fungierten, aufgrund der ihnen weitgehend entzogenen monetären Funktion nun vornehmlich als Rohstoffe angesehen wurden. Deshalb orientierte sich das Preisverhältnis nun stärker an der Höhe der Förderkosten. Zudem wurde Gold aufgrund der von Notenbanken gehaltenen Goldbestände gegenüber Silber eine monetäre Prämie zugestanden.

Die Gold- und Silberpreise erzielten ihre historischen Höchststände im 20. Jahrhundert zu Beginn der 1980er-Jahre. Für die in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre steigenden Edelmetallpreise gab es vor allem drei Ursachen:

  • die Aufgabe des bis Anfang der 1970er Jahre geltenden Goldstandards,
  • die hohen Inflationsraten sowie
  • konzertierte Spekulationen auf steigende Preise an den Terminbörsen.

Im Anschluss daran sanken die Edelmetallpreise infolge des Aufbaus von Überkapazitäten in der Minenproduktion sowie abflauender Inflationsrisiken. Sie stagnierten für zwei Jahrzehnte und mündeten erst Anfang dieses Jahrtausends wieder in einen Aufwärtstrend ein. Bezogen auf deren Tiefststände im Jahr 2001 bis zu ihren Zwischenhochs im Jahr 2011 verachtfachte sich der Gold- und verzwölffachte sich der Silberpreis. Für diesen deutlichen Anstieg waren insbesondere folgende Ursachen ausschlaggebend:

  • Begrenzung der Goldverkäufe durch Notenbanken,
  • Verbot der Goldverleihungen,
  • steigende Edelmetallnachfrage des Industrie- und Investitionsbereichs,
  • hohe Kapazitätsauslastung der Minen,
  • sinkende Mineralisierungsgrade der Vorkommen,
  • zunehmende Förder- und Investitionskosten,
  • anhaltend niedrige Zinsen,
  • ausufernde globale Verschuldung und Geldmengenexpansion,
  • steigende Inflationserwartungen sowie
  • die Destabilisierung des Weltfinanz- und -währungssystems.

Künftige Entwicklung der Gold- und Silberpreise

Die unter den derzeitigen technologischen und ökonomischen Gegebenheiten wirtschaftlich abbaubaren Edelmetallvorkommen gehen zur Neige. Eine spürbare Produktionsausweitung ist daher nur zu deutlich höheren Kosten möglich. Die industrielle Nachfrage – vor allem nach Silber – wird nicht nur durch den enormen zusätzlichen Bedarf der Schwellenländer expandieren, sondern auch durch die Entwicklung neuer Anwendungen. Zudem wird in den Schwellenländern das Heranwachsen einer einkommensstarken Mittelschicht die Schmuck- und Investitionsnachfrage beflügeln.

Das Goldpreishoch von 1980 entspricht in heutigen Preisen einem Goldpreis von etwa 5.000 US-$ je Feinunze. In der zweiten Hälfte des laufenden Jahrzehnts ist vor dem Hintergrund der zu erwartenden Angebots- und Nachfrageentwicklungen auf den Edelmetallmärkten sowie den zunehmenden Verwerfungen auf den Finanzmärkten mit einem Goldpreis von mindestens der realen Höhe von Anfang 1980 zu rechnen (Goldpreis im Oktober 2013: rund 1.300 US-$). Der zunehmende Vertrauensverlust in das auf ungedecktem Papiergeld basierende Weltwährungssystem wird die einstige monetäre Funktion der Edelmetalle wieder in den Blick rücken. Vor diesem Hintergrund werden sie als Wertaufbewahrungsmittel und Anlagegut zunehmend an Bedeutung gewinnen: Die Notenbanken sind inzwischen Nettokäufer von Gold und mittlerweile wird sogar verstärkt über eine neue edelmetallgedeckte Weltreservewährung nachgedacht.

Da künftig die Knappheitsverhältnisse und der Nutzwert der Edelmetalle wieder zweitstärkster in den Fokus rücken dürften, ist eine Gold-Silber-Ratio von 5 als faire Bewertungsrelation anzusehen, die dem umgekehrten Verhältnis der Summe der unterirdisch noch vorhandenen Ressourcen und der überirdischen Bestände von Gold und Silber entsprechen und dann auch die industrielle und monetäre Bedeutung von Silber angemessen reflektieren würde. Daraus ergäbe sich ein Silberpreis von 1.000 US-$ je Feinunze Silber (Silberpreis im Oktober 2013: rund 21 US-$). Die Silberpreisentwicklung wird auch davon profitieren, dass die zu erwartende Wiedermonetisierung der Edelmetalle bislang stärker in den Gold- als in den Silberpreis eingepreist ist. Silber hat also auch diesbezüglich großes Aufholpotenzial.

Die stark steigenden Edelmetallpreise werden perspektivisch dazu führen, dass aufgrund erhöhter Investitionen weitere Förderkapazitäten aufgebaut werden, um die zunehmende Industrie- und Investitionsnachfrage bedienen zu können. Auch eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit von Recyclingverfahren und eine Erhöhung der Ressourcenbasis ist unter veränderten technologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen aufgrund des preisinduzierten technischen Fortschritts, der verbesserte Recycling-, Explorations- und Fördertechnologien hervorbringen wird, zu erwarten. Zudem sind neue Edelmetallfunde infolge verstärkter Explorationsbemühungen denkbar, wobei speziell bei Silber damit allerdings nur bedingt zu rechnen ist, da dessen Vorkommen in der Regel oberflächennäher sind und daher bereits weitgehend bekannt sein dürften. Preisbedingte Substitutionsprozesse könnten zudem die Nachfragesteigerung der Industrie dämpfen.

Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen, dass es nach dem bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts zu erwartenden massiven Edelmetallpreisanstieg zu einer Beruhigung der Aufwärtsbewegung und dann in der Folge wieder zu einer zyklisch bedingten Abschwächung kommen wird. Die auf den Edelmetallmärkten bis dahin mutmaßlich entstehende Spekulationsblase könnte dann platzen. Investoren würden daraufhin ihre akkumulierten Edelmetallbestände auflösen und den Preisabschwung verstärken. Die Edelmetallpreise werden in der Folge so lange sinken bzw. stagnieren, bis Anpassungen auf der Angebots- und Nachfrageseite wieder eine zyklisch bedingte Aufwärtsentwicklung einleiten. Dies ist aber der Blick in eine fernere Zukunft, zunächst einmal stehen die Edelmetallpreise in den kommenden Jahren vor einer fulminanten Aufwärtsbewegung, von deren Ausmaß sich zurzeit wohl kaum jemand eine Vorstellung



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