Das Kasseler Ratssilber – Stifterglanz in Gold und Silber

17.04.2013 14:27  Von:: Tim Schieferstein

Am 18. Februar 913 unterzeichnete König Konrad I. im damaligen Chassalla oder Chassella zwei Urkunden – die ersten schriftlichen Belege für die Existenz Kassels. Im Jubiläumsjahr, das die einstige Hauptstadt des 1866 untergegangenen Kurfürstentums Hessen-Kassel 2013 feiert, schaut Kassel auf seine 1100jährige Stadtgeschichte zurück.

Im Rahmen einer Sonderpräsentation des Kasseler Stadtmuseum werden im Rathaus während der Öffnungszeiten der Stadtverwaltung bis zur Festwoche im September 2013 einige der schönsten Stücke des Kasseler Ratssilbers gezeigt. Unter dem Titel "Stifterglanz – Das Kasseler Ratssilber" wird ein Schlaglicht auf ein spektakuläres Stück Stifterkultur in Kassel und zugleich auf Glanzstücke heimischer Juweliersarbeit in Gold und Silber geworfen.

Ergänzend angemerkt sei noch, dass im Jubiläumsjahr 2013 eine Replik des kostbaren barocken "Kasseler Willkomm" angefertigt wurde, die der Oberbürgermeister bei offiziellen Anlässen einsetzen will. Wie genau die wiederbelebte Tradition eines Begrüßungstrunks aus dem silbernen Ratshumpen aussehen soll, bleibt offen. Der Kasseler OB schloss jedoch bereits aus, das er – wie traditionsgemäß früher üblich - zusammen mit seinem Ehrengast daraus die Füllmenge von 1,5 Litern Wein trinkt.

Näheren Einblick in das Kasseler Ratssilber verdanken wir Frau Dr. Cornelia Dörr, der Leiterin des Kasseler Stadtmuseums, der wir für den freundlicherweise überlassenen Text mit Fotos danken.

Stifterglanz – Das Kasseler Ratssilber von Dr. Cornelia Dörr, Stadtmuseum Kassel

Als "Palast der Bürgerschaft" wollte sich das am 9. Juni 1909 eingeweihte Kasseler Rathaus darbieten, nach Jahrhunderten erzwungener Bescheidenheit im Schatten landesfürstlicher Schlossbauten.

Kasseler Willkomm
Der "Kasseler Willkomm"

1837 war das Rathaus in der Altstadt abgerissen worden. Fortan hatte sich die Stadtverwaltung im "Oberneustädter Rathaus" eingerichtet, das den Anforderungen der 1906 durch die Industrialisierung und Eingemeindungen von Wehlheiden, Kirchditmold, Bettenhausen, Rothenditmold und Wahlershausen auf rund 150.000 Bewohner angewachsenen Großstadt mehr schlecht als recht genügen konnte.

Den Glanzpunkt der zahlreichen Stiftungen vermögender Kasseler Bürger zur Ausstattung des Rathauses setzte das neue "Ratssilber", zumeist kostbares Tafelgeschirr und Tafelaufsätze.

Wie bei entsprechenden Stiftungen in anderen deutschen Großstädten konnte sich hiermit auf besonders spektakuläre Weise gestiegener Wohlstand und Selbstbewusstsein des Bürgertums präsentieren. Zudem galt es, Verluste der Vergangenheit auszugleichen.

Von einem noch aus älteren Zeiten herrührenden Kasseler Silberschatz mit allein 70 vergoldeten Trinkbechern, welche die Stadtoberen bei ihrem "Einstand" als bleibende Wertanlage spendiert hatten, war nur wenig, darunter der berühmte "Kasseler Wilkomm", erhalten geblieben. Alles andere hatte die Stadt auf Befehl der Landes-regierung wegen schwerer Finanzmiseren zu Beginn des 18. Jahrhunderts notgedrungen veräußern müssen.

Kasseler Ratssilber
Leuchterpaar und Prunkkanne aus dem Kasseler
Ratssilber

Das neue Ratssilber, zur Tausendjahrfeier Kassels 1913 um einige Zustiftungen auf insgesamt 40 Einzelstücke ergänzt, wurde nicht auf Grundlage eines einheitlichen Stilkonzepts zusammengestellt. Neben Dekorformen der Hochrenaissance, des Barock, Rokoko und Klassizismus finden sich auch solche des Jugendstils. Passend zur Architektur des Kasseler Rathauses vermittelt es insgesamt den Anschein, "älter" und aus unterschiedlichen früheren Epochen "historisch" erwachsen zu sein. Sämtliche Objekte sind mit eingravierten Widmungen der Stifter versehen. Sie erinnern an namhafte Kasseler Kaufleute, Handwerker, Industrielle, Bankiers, Offiziere, Beamte und Stadtverordnete, zu denen seinerzeit auch noch viele jüdische Mitbürger zählten.

Gebrauchswert für besondere Anlässe und festliche Tafeln war dem Ratssilber nur selten beschieden. Allein der "Kasseler Willkomm" bewahrte noch einige Zeit seine Bedeutung:

Nach alter Sitte wurde er letztmalig 1953 zur Begrüßung von Bundespräsident Theodor Heuss durch Oberbürgermeister Willi Seidel eingesetzt. Traditionsgemäß hatten Gastgeber und Ehrengast jeweils die Hälfte des mit Wein gefüllten Silberbechers zu leeren.

Text und Fotos: © Stadtmuseum Kassel

Kasseler Silber – ein Literaturhinweis:

Über 300 Jahre lang gehörten die Kasseler Silberschmiede zu den Meistern der Silberschmiedezunft. Sie arbeiteten auf höchstem Niveau für den Hof der hessischen Landgrafen, für sakrale Stiftungen und im Auftrag der Stadt Kassel. Auch wohlhabende Bürger haben sich repräsentative Schaustücke, Geschenke und qualitätvolles Gebrauchssilber anfertigen lassen.

Kasseler Silber
Foto: © Edition Minerva
(Der Kunsthandel
Verlag GmbH)

Die umfassende Publikation zum Thema Kasseler silber, die zudem grundlegende Informationen zum historischer Silber bietet, ist:

Reiner Neuhaus/Ekkehard Schmidberger, Kasseler Silber aus Barock, Empire und Gründerzeit, Edition Minerva, Erasburg 1995.

Der "Kasseler Willkomm" und das Kasseler Ratssilber werden auf den S. 58f. unter Kat. Nr. 8 bzw. auf S. 267-275 Kat. Nr. 286 besprochen und historisch näher eingeordnet.

Die Publikation ist im Buchhandel vergriffen, jedoch problemlos antiquarisch erhältlich.

Für die Überlassung von Bildmaterial und die Erlaubnis zur Verwendung textlicher Passagen danken wir der Edition Minerva (Der Kunsthandel Verlag GmbH), Neu-Isenburg.



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