Der Goldpreis fiel zu Wochenbeginn auf 5.015 US-Dollar und stieg am Dienstag in einem beeindruckenden Reversal auf 5.239 US-Dollar (+4,5 %) an, während sich Silber nach einem Einbruch auf 79,65 US-Dollar binnen 24 Stunden um starke 13 % auf 90 US-Dollar erholte, nachdem der Westen Maßnahmen zur Drückung des Rohölpreises angekündigt hatte.
Vor allem die zyklischen industriellen Weißmetalle gerieten nach dem Kriegsausbruch im Mittleren Osten unter starken Verkaufsdruck. Der Rohölpreis schoss nach oben und die Sorge vor einem Inflationsschub ließ die Zinssenkungserwartungen einbrechen, zumal die Renditen der US-Staatsanleihen stiegen, anstatt zu fallen.
Abseits der kurzfristigen Achterbahnfahrt zeichnet sich ein besorgniserregendes Makrobild ab. Die US-Arbeitsmarktdaten vom Freitag mit einem Einbruch der Non-Farm Payrolls um 92 Tsd. Stellen bei gleichzeitig steigenden Löhnen (+0,4 % MoM) liefern das klassische Stagflationssignal von schwachem Wachstum bei hartnäckiger Inflation. Chicago-Fed-Präsident Goolsbee sprach offen von „genau der Art von stagflationärem Umfeld, das für eine Zentralbank am unbequemsten ist.“
Für die Fed bedeutet dies eine Zwickmühle, denn Zinssenkungen zur Stützung der Wirtschaft würden die Inflation weiter anheizen, insbesondere angesichts eines Ölpreises, der sich trotz des Rücksetzers weiterhin deutlich über dem Vorkriegsniveau bewegt. Gleichzeitig würde ein Festhalten an den aktuellen Zinsen die wirtschaftliche Abschwächung beschleunigen. In diesem zunehmend stagflationären Umfeld sind den Notenbanken die Hände gebunden und eine positive Einflussnahme auf den Konjunkturzyklus, zur Verschiebung oder Milderung einer Rezession, nicht mehr möglich.
Auf den jüngsten Rohölschock und die damit verbundenen Inflationsrisiken reagierten weitere Mitglieder der US-Notenbank in der vergangenen Woche mit deutlich restriktiven Kommentaren. Besonders hawkish äußerten sich dabei Hammack von der Cleveland Fed sowie Collins von der Boston Fed. Hammack betonte, dass die Zinsen für längere Zeit auf dem aktuellen Niveau bleiben könnten und stellte sogar in Aussicht, dass bei ausbleibender Disinflation künftig erneut eine restriktivere Geldpolitik notwendig werden könnte. Collins sprach sich ebenfalls für ein geduldiges und schrittweises Vorgehen aus und sah derzeit keinen unmittelbaren Handlungsbedarf für weitere geldpolitische Anpassungen.
Williams (New York Fed) und Kashkari (Minneapolis Fed) betonten vor allem die Inflationsrisiken des Ölpreisschocks. Williams blieb bei einer abwartenden Haltung, während Kashkari davor warnte, dass ein anhaltender Ölpreisanstieg die Inflation länger hoch halten könnte. Goolsbee (Chicago Fed) blieb grundsätzlich offener für spätere Zinssenkungen, zog aber ebenfalls klar die Bremse und signalisierte, dass Lockerungen nicht kurzfristig anstehen.
US-Dollar-Index steigt bis an wichtigen Widerstand bei 100 Punkte an
Der US-Dollar-Index zog stark auf 99,7 Punkte an, womit der wichtige Widerstand bei 100 Punkten erstmals seit Dezember wieder getestet wurde. Ein Ausbruch über diesen Widerstand könnte einen starken Short-Squeeze auslösen, wobei eine Dollarrallye das Narrativ des Debasement-Trades, das in den vergangenen Monaten zu dem stärksten Abverkauf des US-Dollars seit 2021 führte, ad absurdum führen und damit widerlegen würde. In diesem Fall dürfte der Euro gegenüber dem Dollar unter 1,10 US-Dollar fallen.
Diese Gemengelage aus einem steigenden Rohölpreis, Dollarstärke, steigenden Zinsen, niedrigeren Zinssenkungserwartungen und einer möglicherweise durch einen Ölpreisschock getriggerten Rezession brachte die Edelmetalle in der letzten Handelswoche unter Verkaufsdruck. Insbesondere die industriell genutzten Weißmetalle Silber, Platin und Palladium gaben stark nach, da diese in einer Rezession aufgrund des Einbruchs der industriellen Nachfrage zyklisch stark im Preis fallen würden. In dem aktuellen Umfeld bei einem weiteren Anstieg des US-Dollar auf 105 Punkte im USDX (DXY) wäre eine weitere Korrektur des Goldpreises unter die Marke von 5.000 US-Dollar bis mindestens 4.700 US-Dollar wahrscheinlich. Trader und Investoren sollten daher aktuell den US-Dollar sowie den Rohölpreis im Auge behalten und bei einem Ausbruch des USDX über 100 Punkte nach einem kurzfristigen Short-Signal am Gold- und Silbermarkt Ausschau halten.
Rohölschock sorgte für Verkaufsdruck am Edelmetallmarkt
Der Rohölpreis eröffnete den Handel in dieser Woche mit einem kräftigen Sprung von 18 % auf 119,50 US-Dollar je Barrel und erreichte damit den höchsten Stand seit Mitte 2022. Auslöser war eine dramatische Zuspitzung der Lage rund um die Straße von Hormus über das Wochenende. Die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) drohten offen damit, jeden Tanker anzugreifen, der die Meerenge passiert. Gleichzeitig begannen Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Irak ihre Produktion zu drosseln, da ihre Speicherkapazitäten an Grenzen stießen. Der Ölexport über den Seeweg kam kurzzeitig nahezu zum Erliegen, wodurch nach Schätzungen bis zu 18 Millionen Barrel pro Tag, rund 18 % des weltweiten Angebots, ausfallen könnten.
Die Straße von Hormus ist der wichtigste maritime Energiekorridor der Welt. Rund ein Fünftel des globalen Ölhandels passiert täglich diese Meerenge. Eine länger anhaltende Störung hätte daher unmittelbare Folgen für Energiepreise, Inflation und das globale Wachstum.
Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, könnte Washington versuchen, über Freigaben aus der strategischen Ölreserve oder diplomatischen Druck auf Produzentenstaaten gegenzusteuern. Ein länger anhaltender Angebotsausfall im Nahen Osten würde jedoch zwangsläufig zu einem globalen Inflationsschub führen und die geldpolitischen Spielräume der Notenbanken weiter einschränken.
In Gold gerechnet bleibt Rohöl trotz dieses Preissprungs historisch günstig und notiert aktuell bei etwa 0,55 Gramm Gold je Barrel. Aus Sicht der US-Administration ist ein möglichst niedriger Ölpreis in diesem Jahr jedoch politisch wünschenswert. Zum einen stehen die Midterm-Elections an, zum anderen müssen die USA einen großen Teil ihrer Staatsschulden refinanzieren, wofür möglichst niedrige Zinsen erforderlich sind. Ein erneuter Inflationsschub durch steigende Energiepreise würde niedrigere Zinsen verhindern und könnte im Extremfall sogar zu steigenden Zinsen führen.
Polen erwägt Goldverkäufe – weniger Zentralbankkäufe in 2026 möglich
Die Edelmetallpreise gerieten letzte Woche kurzzeitig unter Druck, nachdem Berichte über mögliche Goldverkäufe der polnischen Zentralbank veröffentlicht wurden. Demnach hat der Gouverneur der Narodowy Bank Polski, Adam Glapiński, vorgeschlagen, einen Teil der Goldreserven zu veräußern, um Mittel für steigende Verteidigungsausgaben zu mobilisieren. Konkret geht es um bis zu 48 Milliarden Zloty, umgerechnet rund 13 Milliarden US-Dollar, die durch einen teilweisen Verkauf der rund 550 Tonnen umfassenden Goldreserven generiert werden könnten.
Der Vorschlag wurde laut Bloomberg in einem Treffen mit Präsident Karol Nawrocki diskutiert. Hintergrund ist die Suche nach alternativen Finanzierungsquellen für das steigende Militärbudget, nachdem Warschau ein EU-Programm im Umfang von 150 Milliarden Euro kritisch bewertet hat. Die Regierung befürchtet, dass das Programm politisch kostspielig sein und die Beziehungen zu den USA belasten könnte.
Ein tatsächlicher Verkauf von Goldreserven ist jedoch bislang nicht beschlossen worden. Die Idee besteht unter anderem darin, Gewinne aus den gestiegenen Goldbewertungen zu realisieren oder temporär Gold zu verkaufen und später wieder zurückzukaufen, um Liquidität zu schaffen. Zudem stehen rechtliche und politische Hürden im Raum, da die polnische Zentralbank die Regierung grundsätzlich nicht direkt finanzieren darf und Premierminister Donald Tusk weiterhin plant, Polens Anteil von rund 44 Milliarden € aus dem europäischen Programm „Security Action for Europe“ zu nutzen.
Der Vorschlag sorgte kurzfristig für Unruhe an den Edelmetallmärkten, da Polen in den vergangenen Jahren zu den größten Goldkäufern unter den Zentralbanken zählte und in den letzten beiden Jahren jeweils mehr als 100 Tonnen pro Jahr akkumulierte. Ein möglicher Strategiewechsel von einem strukturellen Käufer hin zu einem potenziellen Verkäufer wurde daher von den Märkten als für den Goldpreis bärisches Signal interpretiert.
Zentralbankkäufe waren in den vergangenen Jahren ein wesentlicher Treiber der Goldrallye. Nach dem starken Preisanstieg könnte es jedoch zu einer Neuallokation der Währungsreserven kommen, wodurch die Nachfrage der Notenbanken im Jahr 2026 geringer ausfallen dürfte als in den Vorjahren. Sollten einzelne Zentralbanken, wie etwa die polnische Nationalbank, tatsächlich Verkäufe in Erwägung ziehen, würde damit ein wichtiger bullischer Faktor für den Goldpreis in diesem Jahr teilweise wegfallen.
Gold-Silber-Ratio als strategisches Rotationsinstrument
Das Gold-Silber-Ratio stieg in dieser Woche leicht auf 60 an. Bereits Ende Januar, noch vor dem großen Crash des Silberpreises, hatte ich empfohlen, bei einem Ratio von 44 Silber zu veräußern und in Gold umzuschichten. Es handelte sich um eine äußerst seltene Gelegenheit, die sich nur alle ein bis zwei Jahrzehnte ergab, um relativ teures Silber gegen günstigeres Gold einzutauschen. Danach kann man in wenigen Jahren, bei einer Rückkehr des Ratios in den Bereich von 85 bis 100, zurück in Silber rotieren und so seinen Edelmetallbestand risikolos verdoppeln.
Durch diese disziplinierte Strategie lässt sich über mehrere Jahrzehnte eine massive Outperformance zum nominalen Preisanstieg erzielen. Wer seit 1980 regelmäßig diesen Wechsel vollzog, hat seine physischen Bestände tatsächlich versiebenfacht. Das Gold-Silber-Ratio ist damit eines der mächtigsten strategischen Werkzeuge für langfristig agierende Edelmetall-Investoren, während man gleichzeitig immer in Edelmetalle investiert bleibt und so immer seinen Inflationsschutz behält.
Bei einem nochmaligen spekulativen Ausbruch unter 50 im Gold-Silber-Ratio sollten langfristig agierende Investoren die Chance nutzen und restliche Silberbestände in Gold tauschen. Der Bereich um 30 wurde nur zweimal in 57 Jahren erreicht, weshalb die aktuelle Hoffnung darauf ein statistisch unwahrscheinliches Ereignis darstellt. Strategisch zählt vor allem, bei extrem hohen und extrem niedrigen Ratios zwischen den beiden Edelmetallen zu rotieren. Selbst beim aktuellen Ratio von 58 ist Gold relativ zu Silber weiterhin eher günstig, weshalb es sich für langfristige Anleger anbietet, Gold derzeit überzugewichten.





