Anfang August handelte der Goldpreis im Tief bei rund 4.020 US-Dollar und stieg seither in einer historisch starken Rallye in dieser Woche auf 4.696 US-Dollar an. Aktuell notiert Gold bei rund 4.636 US-Dollar und liegt damit seit Monatsbeginn etwa 13,8 % im Plus. Sollte sich der Goldpreis bis zum Monatsende annähernd auf diesem Niveau halten, wäre dies der stärkste monatliche Anstieg seit September 1999 und damit seit 27 Jahren.
Der Preissprung wurde primär durch spekulative Käufe und Short-Eindeckungen getrieben, nachdem eine Reihe von Meldungen Spekulanten ermutigten, auf eine Fortsetzung der Rallye des letzten Jahres zu setzen. Den initialen Impuls lieferte eine dovishe Interpretation der letzten Fed-Sitzung sowie Hoffnungen auf eine Entspannung im Mittleren Osten und der damit verbundene kurzzeitige Rückgang des Rohölpreises.
In den folgenden Wochen kamen weitere Kaufgründe hinzu. Anfang August intervenierten die USA und Japan gemeinsam am Devisenmarkt, um den Yen zu stützen. Es war die erste gemeinsame Yen-Kaufintervention beider Länder seit 1998. Die Intervention belastete den US-Dollar und lieferte damit einen weiteren Impuls für den Goldpreis.
Wenig später kündigte das US-Finanzministerium an, die Rückkäufe langlaufender US-Staatsanleihen von 2 Mrd. US-Dollar auf mindestens 4 Mrd. US-Dollar je Operation zu verdoppeln. Die Manipulation der Zinsstrukturkurve erfolgte, nachdem die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 2007 angestiegen war.
Nahezu zeitgleich überschritt die US-Staatsverschuldung erstmals die historische Marke von 40 Billionen US-Dollar. Die Kombination aus einer immer höheren Schuldenaufnahme, steigenden langfristigen Finanzierungskosten und den Eingriffen des Finanzministeriums am Anleihemarkt lieferte immer neue Argumente, den Goldpreis weiter nach oben zu treiben. Innerhalb weniger Wochen entstand so eine nahezu Abfolge immer neuer Kaufgründe.
US-Schuldenlast steigt immer schneller
Die US-Staatsschulden haben am 19. August erstmals die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten. Davon entfallen rund 32,3 Billionen US-Dollar auf öffentlich gehaltene Schulden und etwa 7,8 Billionen auf innerstaatliche Verbindlichkeiten. Seit 2017 hat sich die Gesamtverschuldung damit mehr als verdoppelt.
Problematischer als die runde Marke selbst ist die Dynamik dahinter. Das US-Haushaltsdefizit lag in den ersten zehn Monaten des Fiskaljahres 2026 bereits bei 1,8 Billionen US-Dollar, rund 169 Mrd. US-Dollar mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig steigen die Zinskosten immer schneller. Das Haushaltsbüro des US-Kongresses erwartet für 2026 Nettozinsausgaben von mehr als 1 Billion US-Dollar beziehungsweise 3,3 % des BIP.
Damit werden die steigenden Finanzierungskosten zunehmend selbst zu einem Treiber der Verschuldung. Am Anleihemarkt zeigt sich diese Entwicklung bereits in den hohen langfristigen Renditen und einer wachsenden Skepsis gegenüber der US-Fiskalpolitik. Die Marke von 40 Billionen kam jedoch nicht überraschend. Neu ist weniger die Verschuldung selbst als die zunehmende Überzeugung des Marktes, dass Defizite und Zinslast auf diesem Niveau langfristig kaum ohne geldpolitische Unterstützung stabilisiert werden können.
Was der Markt aktuell noch nicht ausreichend einpreist, ist das Dilemma der Fed. Neue QE-Programme würden zwar zunächst Nachfrage nach langlaufenden US-Staatsanleihen schaffen, gleichzeitig aber die Geldmenge wieder ausweiten. Bei hohen Haushaltsdefiziten und weiterhin erhöhten Konsumentenpreisen könnte dies die Inflationserwartungen und die Risikoprämien am langen Ende erneut steigen lassen. Der Versuch, die langfristigen Renditen durch QE zu drücken, könnte damit letztlich sogar einen gegenteiligen Effekt haben. Genau deshalb zeigt sich Kevin Warsh gegenüber neuen Anleihekäufen bislang zurückhaltend und favorisiert vielmehr eine kleinere Fed-Bilanz.
Auch der Internationale Währungsfonds sieht für die USA nur wenig Spielraum für eine geldpolitische Lockerung und fordert stattdessen eine schnelle fiskalische Konsolidierung. Nach Berechnungen des IWF wäre eine Verbesserung des Primärsaldos um rund 4 % des BIP notwendig, um die Schuldenquote wieder auf einen fallenden Pfad zu bringen. Ohne Konsolidierung dürfte die US-Staatsverschuldung gemessen am BIP weiter deutlich steigen.
Wie eine solche Bereinigung aussehen kann, zeigt Argentinien unter Javier Milei. Seine Regierung setzte unmittelbar nach Amtsantritt eine fiskalische Anpassung von rund 5 % des BIP durch. Die Primärausgaben fielen 2024 real um rund 30 %, während Argentinien erstmals seit fast zwei Jahrzehnten wieder einen Haushaltsüberschuss erzielte. Der IWF bezeichnete Umfang und Geschwindigkeit dieser Konsolidierung als außergewöhnlich und sieht sie als einen zentralen Faktor für die Stabilisierung der Wirtschaft und die wiedergewonnene Glaubwürdigkeit der Politik.
Ein strukturelles Schuldenproblem lässt sich nicht mit zusätzlicher Liquidität lösen. Neue Anleihekäufe ändern weder das Haushaltsdefizit noch die steigenden Zinskosten des Staates.
Der langfristig gangbare Weg wäre deshalb eine konsequente Konsolidierung des US-Haushalts und eine deutliche Reduzierung der Staatsausgaben. Dies wäre kurzfristig schmerzhaft und würde die Konjunktur belasten, den Aktienmarkt in eine Baisse stoßen und die Vermögenspreise in einem deflationären Umfeld belasten, doch langfristig das Vertrauen in die US-Staatsfinanzen und den US-Dollar wieder stärken. Solange dieser Weg nicht eingeschlagen wird, bleibt die Fed in einem Dilemma: Hält sie die Geldpolitik restriktiv, steigen die Finanzierungskosten des Staates weiter. Monetisiert sie dagegen die Schulden über neue QE-Programme, riskiert sie höhere Inflationserwartungen und folgend einen erneuten Anstieg der langfristigen Renditen, was die Finanzierungskosten des Staates auch weiter erhöhen würde. Der letztere Fall wäre hingegen sehr bullisch für Vermögenswerte, insbesondere Gold und Silber, weshalb Goldbullen auf dieses Szenario derzeit wetten.
Viel Symbolik, wenig fundamentale Veränderung
So beeindruckend die Rallye des Goldpreises in den vergangenen Wochen auch war, so wenig haben sich die fundamentalen Rahmenbedingungen bislang tatsächlich verändert. Viele der vermeintlich neuen Kaufgründe waren vor allem politische Signale, deren nachhaltige ökonomische Wirkung jedoch gering bis wirkungslos sein dürfte.
Dies zeigt sich bereits bei der gemeinsamen Intervention der USA und Japans am Devisenmarkt, die an den fundamentalen Ursachen der Yen-Schwäche nichts ändert. Die Maßnahmen verzögern lediglich eine Anpassung, die bereits seit Jahren im Gange ist. Der Großteil der Yen-Abwertung vollzog sich bereits von 2021 bis 2022. Entscheidend für die weitere Entwicklung des US-Dollar zum Yen bleiben vielmehr die Zinsdifferenz, die japanische Fiskalpolitik und die Geldpolitik der Bank of Japan.
Ähnlich verhält es sich mit den Eingriffen des US-Finanzministeriums am Anleihemarkt. Die angekündigten Rückkäufe langlaufender US-Staatsanleihen von mindestens 4 Mrd. US-Dollar je Operation sind im Verhältnis zu einem US-Staatsanleihenmarkt von mehr als 32 Billionen US-Dollar verschwindend gering. Deshalb stiegen die Renditen kurz nach der Intervention wieder über das vorherige Niveau, womit der Markt sehr schnell der Politik ihre Grenzen aufzeigte.
Die Rückkäufe ändern nichts an den strukturellen Problemen der USA. Das Finanzministerium kann die Laufzeiten seiner Schulden verschieben und kurzfristig Liquidität in einzelnen Marktsegmenten schaffen, doch weder das Haushaltsdefizit noch die Gesamtverschuldung verschwinden dadurch. Die Maßnahme ist zudem nicht mit QE gleichzusetzen, da keine Notenbank neues Geld schafft und Staatsanleihen monetisiert. Ein strukturelles Schulden- und Defizitproblem lässt sich nicht durch zusätzliche Liquidität lösen. Auch der Fed sind deshalb zunehmend die Hände gebunden. Sie könnte zwar erneut Staatsanleihen kaufen und die Geldmenge ausweiten, würde damit jedoch riskieren, das Vertrauen in die langfristige Geldwertstabilität weiter zu beschädigen und gerade am langen Ende einen erneuten Renditeanstieg auszulösen. Die symbolische Intervention des Finanzministeriums dürfte daher sogar zusätzliche Sorgen darüber geschürt haben, dass die steigende Zinslast für die US-Regierung zunehmend zum Problem wird.
Auch die Hoffnungen auf eine schnelle Entspannung im Nahen Osten erscheinen bislang überzogen. Anfang August erklärte US-Finanzminister Scott Bessent noch, eine Vereinbarung mit Iran zur Öffnung der Straße von Hormus könne möglicherweise innerhalb eines Tages zustande kommen. Auch drei Wochen später gibt es keinen dauerhaften Frieden, die Straße von Hormus ist weiterhin nur eingeschränkt passierbar und der Konflikt bleibt ungelöst. Der jüngste Rückgang des WTI-Rohölpreises auf rund 80 US-Dollar basiert damit erneut vor allem auf Hoffnungen auf diplomatische Fortschritte. Sollten diese enttäuscht werden und der Ölpreis wieder deutlich ansteigen, könnten auch die Erwartungen an die Fed schnell wieder in die entgegengesetzte Richtung kippen und Zinsanhebungen die Goldrallye konterkarieren.
Auch die dovishe Interpretation der Fed ist fragwürdig. Die Fed beließ den Leitzins zwar unverändert, hielt sich weitere Zinserhöhungen jedoch ausdrücklich offen. Angesichts weiterhin erhöhter Konsumentenpreise und der Gefahr eines erneuten Energiepreisschocks besteht deshalb wenig Grundlage für die Annahme, die Fed stehe unmittelbar vor einer nachhaltigen geldpolitischen Lockerung.
Das Überschreiten der Marke von 40 Billionen US-Dollar bei den US-Staatsschulden ist langfristig zweifellos bullish für Gold, stellt kurzfristig jedoch keine neue fundamentale Information dar. Die Gesamtverschuldung ist nicht über Nacht explodiert, sondern das Erreichen dieser Marke war aufgrund der laufenden Defizite seit Monaten absehbar. Der Markt wurde von dieser Zahl nicht überrascht. Neu war vielmehr die Wahrnehmung der Marktteilnehmer und die Bereitschaft der Spekulanten, aus dem längst bekannten Schuldenproblem einen weiteren Kaufgrund für Gold abzuleiten.
Genau darin liegt aktuell das Risiko der Rallye. Die Faktoren, die den Goldpreis in den vergangenen Wochen nach oben trieben, haben bislang kaum eine nachhaltige fundamentale Veränderung herbeigeführt. Die Yen-Intervention löst die strukturellen Probleme Japans nicht, die Treasury-Rückkäufe lösen das amerikanische Schuldenproblem nicht, der angekündigte Frieden im Nahen Osten ist bislang ausgeblieben und die Fed hat ihre restriktive Geldpolitik noch nicht aufgegeben. Was sich vor allem verändert hat, ist das Sentiment, das am Goldmarkt unverändert bullisch ist.
Erst wenn die Federal Reserve und andere Notenbanken angesichts steigender Finanzierungskosten und wachsender Probleme an den Anleihemärkten tatsächlich einknicken und erneut mit umfangreichen Anleihekäufen sowie einer Ausweitung der Geldmenge reagieren würden, bekäme die Rallye eine neue monetäre Grundlage. Genau dies ist bislang nicht geschehen. Solange die Rallye primär von Erwartungen, politischen Signalen und spekulativen Käufen getragen wird, bleibt sie anfällig für Korrekturen, sobald einer dieser vermeintlichen Kaufgründe vom Markt wieder ausgepreist wird.
Stimmung am Goldmarkt noch immer sehr bullisch
Wie bullisch das Sentiment mittlerweile wieder ist, zeigen die neuesten Terminmarktdaten der US-Terminmarktaufsicht CFTC, die am Freitag veröffentlicht wurden. Diese zeigen, dass die Spekulanten unvermindert stark auf einen steigenden Preis wetten und das Sentiment noch immer sehr bullisch ist für den Gold. Der CoT-Index zum Open Interest adjustiert ist mittlerweile wieder im Verkaufsbereich angekommen.
Typischerweise gehen nachhaltige Bodenbildungen am Edelmetallmarkt mit einem überverkauften Terminmarkt, also einem extrem bärischen Sentiment, einher und nicht diametral gegensätzlich mit einem bereits wieder extrem bullischen Sentiment. Der Goldpreis hat in den letzten beiden Wochen mit seinem Preissprung über die 200-Tagelinie und den Abwärtstrend zwar ein bullisches charttechnisches Signal geliefert, wogegen der Terminmarkt gleichzeitig bereits wieder überkauft ist und ein Verkaufssignal gibt. Dieser Widerspruch stellt die Nachhaltigkeit der Rallye der vergangenen Woche infrage.
Kurzfristige Einschätzung
Die PCE-Preisdaten fielen heute etwas heißer aus, als vom Markt erwartet wurde, was kurzfristig den Druck auf die Edelmetalle erhöht. Der Goldpreis scheint aktuell im Bereich um 4.700 US-Dollar bis 4.600 US-Dollar auszutoppen und eine Korrektur einzuleiten. Silber erreichte zuvor ein Hoch von fast 70 US-Dollar je Feinunze und dürfte einer Korrektur des Goldpreises zunächst folgen.
Dabei ist der Terminmarkt für Gold aktuell deutlich stärker überkauft als jener für Silber. Sollte der Goldpreis zunächst auf rund 4.450 US-Dollar korrigieren, hätte Silber Luft für einen Rücksetzer in den Bereich um 65 US-Dollar je Feinunze, ohne dass das bullische Chartbild beschädigt würde. Erst ein Rückfall in den ehemaligen Abwärtstrend, den der Silberpreis in der vergangenen Woche überwinden konnte, würde das technische Bild deutlich eintrüben. In diesem Fall wäre zunächst ein Rücksetzer auf rund 60 US-Dollar und anschließend möglicherweise bis auf 55 US-Dollar wahrscheinlich.
Angesichts des weiterhin sehr bullischen Sentiments dürfte es für eine stärkere Korrektur jedoch zusätzliche politische Impulse benötigen. Beispielsweise ein erneuter Anstieg des Rohölpreises und damit verbundene Sorgen vor steigenden Konsumentenpreisen und höheren Zinsen könnten Gold und Silber stärker unter Druck setzen.
Auch Platin ist zuletzt stark bis auf fast 1.900 US-Dollar je Feinunze gestiegen. Angesichts der aktuell wieder steigenden Zinsen erscheint dieser Preisanstieg fundamental jedoch nur unzureichend untermauert. Eine Korrektur in Richtung 1.800 US-Dollar und im weiteren Verlauf möglicherweise bis auf 1.700 US-Dollar bleibt deshalb in den kommenden Wochen wahrscheinlich.


