Gold und Silber bekamen beim ersten Zinsentscheid unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh unmittelbar zu spüren, dass in Washington eine neue Ära begonnen haben könnte. Obwohl die Fed die Leitzinsen unverändert ließ, war das Meeting eines der hawkishsten seit Jahren. Der US-Dollar schoss nach oben, während die Edelmetalle deutlich einbrachen.
Warsh kappte die Forward Guidance, verschärfte den Inflationsausblick und stellte die bisherige Kommunikationsarchitektur der Powell-Ära grundsätzlich infrage. Damit deutet sich ein möglicher Regimewechsel an, dessen Tragweite die Märkte entweder noch nicht verstanden haben oder erst dann einpreisen werden, wenn Warsh seinen Worten konkrete Taten folgen lässt.
Diese Skepsis ist verständlich. In den vergangenen zwei Jahrzehnten versprachen nahezu alle Notenbanker Preisstabilität, nur um bei der nächsten Krise erneut die Geldschleusen zu öffnen. Doch diesmal steht die Fed aufgrund der hohen Zinsen, der aufgeblähten Bilanz und der wachsenden Refinanzierungslast des US-Staates unter erheblich größerem Druck. Eine kleinere Bilanz bei perspektivisch niedrigeren kurzfristigen Zinsen könnte daher einer der wenigen noch gangbaren Wege sein.
Unveränderte Zinsen, verschärfter Ausblick
Dass die Zinsen erwartungsgemäß unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent blieben, war eines der wenigen Dinge, die bei dieser Pressekonferenz vorhersehbar waren. Neun der 18 eingereichten Zinsprojektionen zeigen noch in diesem Jahr mindestens eine Zinserhöhung, während eine Zinssenkung im FOMC nicht einmal diskutiert wurde – ein ausgesprochen hawkishes Signal. Der Median liegt nun bei 3,80 Prozent zum Jahresende, nach 3,40 Prozent noch im März. Warsh bestätigte zudem, keinen eigenen Dot eingereicht zu haben, da er das SEP-System in seiner jetzigen Form grundsätzlich ablehnt.
Die Inflationsprognose für den Core PCE wurde von 2,70 auf 3,30 Prozent hochrevidiert, eine der größten Einzelkorrekturen seit Jahren. Kurz nach der Pressekonferenz gegen 23:00 stieg die vom Terminmarkt implizierte Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bis Oktober auf rund 77 Prozent und bis Dezember auf rund 87 Prozent.
Warsh beendet die Kommunikationslogik der Powell-Ära
Warsh hat die gesamte Kommunikationsarchitektur der Powell-Ära drastisch verändert. Das FOMC-Statement wurde radikal verkürzt, die Forward Guidance gestrichen und eine Überprüfung der gesamten Kommunikation angekündigt. Warsh will die Wechselwirkung zwischen der Forward Guidance der Fed und der Marktreaktion auflösen. Die Märkte sollen sich künftig an eingehenden Wirtschaftsdaten statt an Fed-Signalen orientieren, was ein richtiges und gutes Ziel ist. Denn wenn die Märkte nur zurückspiegeln, was die Fed sagt, verliert die Notenbank ihre wichtigste Informationsquelle – die Marktpreise. Die Fed liest in den Märkten sonst lediglich ihr eigenes Echo, wodurch ein reiner Rückkopplungskreis ohne zusätzlichen Informationsgehalt entsteht.
Die Fed zerstört ihr eigenes wichtigstes Marktsignal
Richtig ist: Wenn die Notenbank selbst die Preisbildung dominiert, zerstört sie den Informationskanal, den sie zum Steuern benötigt. Die Frage ist jedoch, warum die Fed mit dem kurzfristigen Zins und ihrer Bilanzpolitik gerade das wichtigste Koordinationssignal des Marktes beeinflusst – den Preis von Gegenwartsgütern relativ zu Zukunftsgütern, also den Zins? Wenn die Fed den Marktzins durch zusätzliche Liquidität oder Kreditexpansion unter das natürliche Marktniveau drückt, das sich aus Sparneigung, Zeitpräferenzen und realer Kapitalverfügbarkeit ergeben würde, erhalten Unternehmen ein verfälschtes Signal. Diese Fehlallokationen zerstören letztlich Kapital, verlangsamen das Wirtschaftswachstum und enden oftmals in Rezessionen und Krisen. Aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie wäre die einzig nachhaltige und richtige Geldpolitik der Fed in erster Linie überhaupt keine Geldpolitik.
„Inflation is a choice“ – die Fed klagt sich selbst an
Der Abschlusssatz des Statements lautete schlicht „The Committee will deliver price stability.“ Zur persönlichen Verantwortung für Preisstabilität sagte Warsh: „Inflation is a choice. You bet it is.“ Weiterhin signalisierte Warsh eine deutlich geringere Toleranz gegenüber einer anhaltenden Überschreitung des Inflationsziels und eine höhere Bereitschaft, auch gegen politischen oder marktseitigen Druck restriktiv zu bleiben. Die Aussagen zur Preisstabilität und zur Inflation sind ironisch, da die Geldmengenausweitungen der Fed der einzige Grund für den breiten und dauerhaften Anstieg der Preise sind. Inflation ist definitiv eine Wahl, und wenn die US-Notenbank wirklich Preisstabilität wollte, müsste sie einfach aufhören, die Geldmenge auszuweiten und die Schulden von Privatwirtschaft und Staat den natürlichen Marktprozessen überlassen, sprich Rezessionen und Bärenmärkte zulassen. Über Jahrhunderte waren diese gesundenden Prozesse Normalität, insbesondere in Zeiten des Goldstandards, und sie sollten es wieder werden, da sie letztlich die Wirtschaft zurück auf einen produktiveren Pfad führen.
Bilanz und Vermögenspreise werden zum nächsten Risiko
Zu einer Reduzierung der Notenbankbilanz sagte Warsh in seiner ersten Sitzung bewusst nichts, was jedoch künftig der spannendste Punkt unter seiner Führung sein dürfte. Alle konkreten Fragen dazu sollen an eine Taskforce delegiert werden. Eine weitere Bilanzreduktion wäre ein mittelfristiges Risiko für die Märkte.
Besonders bemerkenswert war Warshs Hinweis, dass die Geldpolitik am Immobilienmarkt restriktiv wirke, während dies an den Finanzmärkten kaum erkennbar sei. Hohe Bewertungen und lockere Finanzierungsbedingungen könnten aus seiner Sicht daher eher für eine zusätzliche Straffung als für eine Lockerung der Geldpolitik sprechen, was ein wichtiges Signal für die Märkte ist.
Struktureller Umbau der Federal Reserve
Warsh kündigte fünf unabhängige Taskforces an, die bis zum Jahresende Ergebnisse vorlegen sollen. Sie beschäftigen sich mit den Bereichen Kommunikation, Bilanzpolitik, Datenquellen und Methodik, Produktivität und Künstliche Intelligenz sowie dem Inflationsrahmen.
Zur Qualität der bisherigen Wirtschaftsdaten äußerte sich Warsh kritisch. Der Großteil der Daten, auf die man sich bisher stützte, basiere auf veralteten Erhebungsmethoden, die das Bild der modernen US-Wirtschaft kaum noch widerspiegelten. Was die Fed weniger interessiere, seien Echos der Vergangenheit. Gefragt seien belastbare Echtzeitdaten, denn geldpolitische Entscheidungen müssten in Echtzeit getroffen werden und nicht auf Grundlage von Daten, die erst Wochen später ihre dritte Revision erhalten.
Echtzeitdaten lösen das Wissensproblem nicht
Warsh setzt offenbar voraus, dass sich die richtige Geldpolitik bestimmen lasse, sobald die Fed schnellere und präzisere Daten erhält. Diese Anmaßung von Wissen verkennt, dass das relevante Wissen bei Millionen Marktteilnehmern liegt und von einer Zentralbehörde aus Bürokraten niemals vollständig erfasst oder verstanden werden kann. Marktpreise koordinieren dieses Wissen gerade deshalb, weil niemand es zentral sammeln muss. Kein Datensatz kann das dezentrale Entdeckungsverfahren des Marktes ersetzen, und der Preis ist das relevante Marktsignal.
Eine fehlerhafte Steuerung mit Tagesdaten anstatt mit Monatsdaten bleibt eine fehlerhafte Steuerung – sie erfolgt lediglich schneller. Vor allem aber: Warum benötigt die Fed bessere Signale, wenn sie gleichzeitig den wichtigsten intertemporalen Preismechanismus selbst manipuliert?
Dass Arbeitsmarkt-, Inflations- oder BIP-Daten mehrfach revidiert werden, ist ein berechtigter Kritikpunkt. Warsh zieht daraus jedoch die falsche Schlussfolgerung: Mehr Geschwindigkeit statt mehr Zurückhaltung. Eine Zentralbank, die stärker auf Echtzeitindikatoren reagiert, könnte kurzfristigem Rauschen hinterherlaufen. Das Ergebnis wäre keine vorausschauendere, sondern eine hektischere Geldpolitik.
Gold, Silber und das mögliche Ende des Fed-Puts
Gold und Silber reagierten auf die Entscheidung mit deutlichen Abschlägen. Gold fiel im Tief um 160 US-Dollar auf 4.220 US-Dollar und Silber um 4,50 US-Dollar auf 66,80 US-Dollar, während der US-Dollar stark zulegte und der USD-Index auf 100,6 Punkte anstieg und damit erneut den wichtigen Widerstand bei 100 Punkten testete. Ein Ausbruch darüber würde eine Dollarrallye auslösen, die sich gewaschen hat und kurzfristig entsprechend belastend für die Edelmetallpreise wäre.
Nach dem Fed-Zinsentscheid hat der Goldpreis seinen technischen Pullback an den in der vergangenen Woche gebrochenen Aufwärtstrend wahrscheinlich abgeschlossen und seinen Abwärtstrend fortgesetzt, was ein bärisches Signal ist. Erst Preise über 4.400 US-Dollar würden noch einmal Luft bis 4.530 US-Dollar frei machen, doch ohne exogene Faktoren und nach der Schwäche der letzten Wochen ist dies aktuell das unwahrscheinlichere Szenario.
Das fundamentale Umfeld für Edelmetalle trübt sich ein. Steigende Realzinsen, eine mögliche künftige Bilanzreduktion, ein stärkerer US-Dollar und eine Notenbank, die Preisstabilität als bedingungsloses Versprechen formuliert, bilden ein schwieriges Umfeld für Edelmetalle.
Die Märkte haben die Tragweite dieses Regimewechsels noch nicht vollständig eingepreist. Das gilt insbesondere für Krypto- und Aktienmärkte, die über Jahre von einer Notenbank mit ausgeprägtem Sicherheitsnetz und lockerer Geldpolitik profitiert haben. Die Märkte wurden in den vergangenen 18 Jahren darauf konditioniert, dass die Notenbanken eingreifen, sobald die Kurse deutlich fallen. Dies könnte sich nun fundamental ändern und der Fed-Put wegfallen. Die US-Notenbank könnte erstmals seit fast zwei Jahrzehnten eine Kreditkontraktion und eine Baisse am Aktienmarkt wieder über einen längeren Zeitraum zulassen. Ob Warsh bei einer echten Kredit- oder Liquiditätskrise tatsächlich anders handelt als seine Vorgänger, ist jedoch vollkommen offen.
Für unser Trading wäre dies ein großer Vorteil, während es für langfristig agierende Investoren mit einem Buy-and-Hold-Ansatz sehr schwierig werden dürfte. An den Edelmetallmärkten werden sich daraus neue Chancen ergeben, die man antizyklisch immer wieder sehr gut nutzen kann, bis die Notenbanken als Reaktion auf eine neue Krise früher oder später doch wieder die Geldschleusen öffnen.

