Bedarf der Industrie nach Gold und Silber

Die Zusammensetzung der Industrienachfrage nach Gold lässt sich schnell zusammenfassen. Die Entwicklung der Silbernachfrage seit 1990 zeigt wie vielfältig Silber einsetzbar ist.

Nachfrage der Industrie nach Gold

Von 0,5 Tsd. Tonnen der Industrienachfrage nach Gold entfielen 2011 sieben Zehntel auf den Elektroniksektor, ein Zehntel auf zahnmedizinische, zwei Zehntel auf sonstige Anwendungen.[1] Gold reflektiert infrarote Wellenlängen des Lichts besser als energiereichere Lichtstrahlen, weshalb wärme- und lichtreflektierende Beschichtungen damit bedampft werden. In der Zahnheilkunde wird es als Füll- oder Ersatzmaterial eingesetzt. Einige Goldsalze werden in der Rheumatherapie und gegen Arthritis angewendet.[2]

Silbernachfrage der Industrie seit 1990

Nachfrage der Industrie nach Silber von 1990 bis heute

Quelle:  Eigene Darstellung nach Angaben des World Silver Survey (Internet-Abruf vom 01.10.2012).

Im Vergleich zu Gold wurde Silber 33-mal häufiger von der Industrie nachgefragt, 2011 waren es – ohne Fotoindustrie – 15,1 Tsd. Tonnen. Der Anteil der Industrie- an der Gesamtnachfrage lag 2011 bei Gold bei 10 %, bei Silber dagegen bei 47 %. Zwischen 1990 und 2011 legte die Industrienachfrage nach Silber im Durchschnitt um 2,7 % pro Jahr zu, seit 2003 – trotz stark steigender Silberpreise und einer das Weltwirtschaftswachstum und die Industrienachfrage vorübergehend abschwächenden Finanzmarktkrise 2008/2009 – sogar um 3,5 % pro Jahr. Tabelle 6.1 weist den Silberverbrauch der Industrie nach verschiedenen Anwendungsbereichen aus.

Silberverbrauch der Industrie nach Anwendungen

Anwendungen

20031)

2010e

Anstieg

Tonnen

in %

Tonnen

in %

in % p.a.

Elektronik

4711

51

6385

51

4,4

Katalysatoren

1422

16

1391

11

-0,3

Hartlegierungen

1164

13

1437

11

3,1

Wasseraufbereitung

529

6

898

7

7,9

Solartechnologien

140

2

568

5

22,1

Batterien

493

5

657

5

4,2

Reflektoren

457

5

584

5

3,6

Flachbildschirme

264

3

388

3

5,7

Medizin, Hygiene2)

40

0,4

164

1,3

22,3

RFID-Chips

5

0,1

65

0,5

44,3

Textilien

0

0,0

47

0,4

-

Holzschutzmittel

0

0,0

0

0,0

-

Sonstiges

16

0,2

26

0,2

-

Insgesamt

92613) 

100

126103) 

100

4,5

Quelle:  Eigene Berechnungen nach Angaben von der Fortis Bank Nederland und der VM Group; vgl. Fortis Bank Nederland/VM Group (2010), Silver Book (Internet: www.virtualmetals.co.uk/pdf/FBNSB0610.pdf, Abruf vom 01.10.2012): S. 16. – 1) Für weiter zurückliegende Zeitpunkte liegen keine vergleichbaren Daten in dieser Differenzierung vor. – 2) Medizintechnische Anwendungen einschließlich Lebensmittelhygiene. – 3) Das Silver Institute weist für den Industrieverbrauch aufgrund unterschiedlicher Erfassungsmethoden und Abgrenzungen rund 3 Tsd. Tonnen mehr aus.

Die Ausführungen beinhalten für das Verständnis wichtige Darlegungen zu heutigen, aber auch zu künftigen industriellen Silberanwendungen, die sich mitunter noch in der Forschungs- und Entwicklungsphase befinden, denen zum Teil aber hohe Marktpotenziale eingeräumt werden.

Nachfrage der Industrie nach Silber

  • Auf die Elektronik entfällt etwa die Hälfte der Industrienachfrage nach Silber. Silberhaltige elektronische Bauteile kommen u.a. in Autos, Computern, Flugzeugen, Handys, Kühlschränken, Leuchtdioden, Mi­krowellenherden, Spülmaschinen, Telefonen, Tonträgern, TV-Geräten, Waschmaschinen und Zahnbürsten zum Einsatz. Von 2003 bis 2010 wuchs der Silberverbrauch in diesem Bereich um 4,4 % pro Jahr. Besonders ins Gewicht fallen dabei bleifreie Weichlote. 2030 werden hierfür einer Schätzung zufolge bereits über 9 Tsd. Tonnen benötigt (2009: 5,5 Tsd. Tonnen).[3]
  • Der Anteil von Katalysatoren am industriellen Silberverbrauch lag 2010 bei 11 % (2003: 16 %). Für neuen Aufschwung könnten auf Silber statt Platin basierende Abgaskatalysatoren sorgen, die u.a. in Brennstoffzellen und Fahrzeugen einsetzbar sind.[4]
  • Auf Hartlegierungen, die für den Automobilbau, die Energieverteilung sowie die Luft- und Raumfahrt eine Rolle spielen, entfielen 2010 ebenfalls 11 % des industriellen Silberbedarfs. Beispielsweise enthielten die Außenbeschichtungen der Space-Shuttles der NASA Silber-Lithium-Aluminium-Legierungen, deren Energieversorgung erfolgte – wie auch bei anderen Raumfahrzeugen oder Satelliten – durch silberhaltige Silizium-Zellen. Einsatzgebiete von Hartlegierungen sind zudem Kühlanlagen, Sanitäranlagen sowie die Mess- und Regelungstechnik. Im Zeitraum von 2003 bis 2010 stieg der Silberbedarf im Bereich der Hartlegierungen um über 3 % pro Jahr.
  • Aufgrund seiner keimbefreienden Wirkung und seines Reflexionsvermögens ist Silber auch für die Wasseraufbereitung und Solarenergiegewinnung von Bedeutung. Energie und Wasser gelten als globale Megatrends, da nicht erneuerbare fossile Energieträger und globale Wasservorkommen knapp werden. Zusammen lag der Anteil am gesamten industriellen Silberverbrauch 2010 bei 12 %; zwischen 2003 und 2010 stieg der Silberverbrauch für die Wasseraufbereitung um 8 %, für Solarenergie um 22 % pro Jahr.[5]
  • 5 % des Industrieverbrauchs nach Silber entfiel 2010 auf Batterien, das Wachstum des Silberverbrauchs lag zwischen 2003 und 2010 bei 4 % pro Jahr. Klassische Silberoxidbatterien sind langlebig und werden in Uhren, Kameras, Taschenrechnern und anderen elektronischen Kleingeräten eingesetzt. Silber-Zink-Batterien zeichnen sich durch besonders lange Laufzeiten und eine hohe Energiedichte aus. Sie sind wieder aufladbar und vollständig recycelbar. Möglicherweise werden sie Batterien auf Basis der Lithium-Ionen-Technologie vom Markt verdrängen.
  • Aufgrund seines Reflexionsvermögens ist Silber für Reflektoren prädestiniert. Die ersten dieser Reflektoren waren Spiegel. Auch die Herstellung energieeffizienter Fenster sowie silberbeschichteter Brillengläser und Autoscheiben zur Reflexion der Sonneneinstrahlung gehören zu diesem Anwendungsbereich. Der Anteil am industriellen Silberverbrauch lag 2010 bei 5 %, der Silberverbrauch nahm zwischen 2003 und 2010 um 3,6 % pro Jahr zu.
  • Der Silberbedarf für Flachbildschirme umfasst 3 % der gesamten industriellen Silbernachfrage. Der jährliche Anstieg war zwischen 2003 und 2010 mit 5,7 % pro Jahr überdurchschnittlich hoch. Da der Trend weiter in Richtung Flachbildschirme geht, ist hier auch künftig mit einer steigenden Silbernachfrage zu rechnen.
  • Wegen seiner antibakteriellen bzw. keimtötenden Wirkungen ist Silber für medizinische Anwendungen sowie die Lebensmittel- und Körperhygiene von Bedeutung. Der Anteil am industriellen Silberverbrauch lag 2010 bei 1,3 %, zwischen 2003 und 2010 stieg er um 22 % pro Jahr. Neben der Wund- und Zahnbehandlung gibt es viele neue Anwendungen, die künftig bedeutsam werden könnten. Schon lange ist bekannt, dass Silber Kolibakterien und Salmonellen abtötet, dies gilt in Bezug auf kolloidales Silber aber auch für Viren.[6] Nanopartikel aus Silber können zudem Herzinfarkte, Schlaganfälle, Embolien und Thrombosen verhüten, indem sie Blutplättchen daran hindern, Gerinnsel zu bilden.[7] Zur Abtötung von Bakterien wird Silber in Implantate und medizinische Geräte in Form von Nanopartikeln eingearbeitet. Mit einer auf Silbergewebe basierenden Karte wird die hochfrequente Strahlung von Mobiltelefonen, die den menschlichen Körper belasten und aktuellen Ergebnissen von Langzeitversuchen zufolge sogar krebserregend sein könnten, effektiv abgeschirmt.[8] Die antistatischen Eigenschaften von Silber werden für die Herstellung von Bodenbelägen für Büros und Flugzeuge genutzt. Aufgrund seiner geruchshemmenden Wirkungen kamen 2010 auf Silber-Ionen basierende Dusch-Gels sowie hochwirksame und zugleich hautschonende Deodorants auf den Markt.
  • RFID (Radio Frequency Identification) ist ein funkgesteuertes Etikett mit einer Silber enthaltenden Antenne, das der automatischen Identifizierung und datenmäßigen Erfassung u.a. in den Bereichen Buchleihe, Eintrittskarten, Fälschungssicherung von Banknoten und Medikamenten, Personen- und Tieridentifizierung (Reisepässe, Chips in der Haut), Skipässe, Verkehr (Mautsysteme, Geschwindigkeitsmessung, Wegfahrsperre, Fahrkarten), Warenbestandsmanagement und Zeiterfassung dient.[9] Pro RFID-Chip werden rund 10 mg Silber verbraucht. Der Anteil am industriellen Silberverbrauch lag 2010 bei 0,5 %. Zwischen 2003 und 2010 stieg er um 44 % pro Jahr. Einer Schätzung zufolge werden 2030 5,7 Tsd. Tonnen Silber benötigt (2010: 0,07 Tsd. Tonnen), das praktisch nicht wiederverwertbar ist.[10] Dies würde annähernd einem Viertel der Minenförderung des Jahres 2011 entsprechen.
  • Der Silberverbrauch für Textilien lag 2010 bei 47 Tonnen (0,4 % der Industrienachfrage). Mit eingewobenem Silber versehene Textilien (Smart Textiles) stellen eine Anwendung dar, die nicht nur medizinische Bereiche betrifft, sondern auch den Privatbereich. So werden z.B. Socken, Tücher, Kissenbezüge oder Gesichtsmasken angeboten.[11] In anderen Kontexten kommen auch nanotechnologisch basierte Verfahren zum Einsatz, indem Nanosilber aufgrund seiner keimabtötenden Wirkung in Fasern von Kleidungsstücken eingewoben wird. Sollte sich hier möglicherweise ein Modetrend herausbilden, könnte daraus ein erheblicher zusätzlicher Silberbedarf resultieren.
  • Silberhaltige Mittel zur Holzkonservierung stellen eine Alternative zu gesundheits- und umweltschädlichen Präparaten z.B. auf Chrom-Kupfer-Basis dar. Es wird sich allerdings erst noch erweisen müssen, inwieweit sie sich durchsetzen können.
  • Angesichts der Probleme mit der Stromnetzinfrastruktur wird der Einsatz sicherer, leistungsfähiger Hochtemperatur-Supraleitungen (HTSL) erwogen. Silberverstärkte Stromleitungen leiten über weite Strecken ein Vielfaches der elektrischen Energie herkömmlicher Kupferkabel.[12]
  • Zur sicheren langfristigen Datenspeicherung außerhalb von PCs wurden in Deutschland unzerstörbare Mikrofiches mit hohem Silbergehalt entwickelt. Diese Form der Datenspeicherung könnte künftig große Bedeutung erlangen, da herkömmliche digitale Datenspeichermöglichkeiten (Festplatten, DVDs usw.) mit der Zeit Datenverluste erleiden, was selbst dann der Fall ist, wenn Datenträger nicht durch äußere Einwirkungen beschädigt werden.
  • Zur energiesparenden Lichtversorgung werden zunehmend silberhaltige anorganische Leuchtdioden (LED), in Monitoren silberhaltige organische Leuchtdioden (OLED) eingesetzt.

Zukünftige Nachfrage nach Silber

Die meisten industriellen Anwendungen betreffend dürfte Silber auch künftig verstärkt nachgefragt werden. Einige Anwendungsbereiche werden sogar erhebliche zusätzliche Silbermengen erfordern. Begünstigt wird dies durch das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer Ostasiens (z.B. China, Indien), Osteuropas (z.B. Russland) und Lateinamerikas (z.B. Brasilien) sowie die Weiterentwicklung bestehender bzw. Entdeckung neuer Silber erfordernder Anwendungen.

2020 wird eine Industrienachfrage nach Silber von 22 Tsd. Tonnen erwartet.[13] Die jährliche Steigerung läge demnach bei 5 %. Die Indus­trienachfrage entspräche dann neun Zehnteln der weltweiten Silberförderung 2011, dem Jahr mit der höchsten Silberfördermenge aller Zeiten. Begründet wird dies mit dem starken Anstieg der Silbernachfrage für RFID-Chips, Solarzellen und die Wasserreinigung. Der Rückgang der Silbernachfrage der Fotoindustrie soll sich dagegen nicht weiter fortsetzen. Ebenfalls stabil bleibe demnach die Silbernachfrage nach Schmuck und Silberwaren. Mit den neuen Industrieanwendungen sei im Übrigen ein Trend zu eher sinkenden durchschnittlichen Recyclingquoten verbunden, da aus technischen Gründen und aufgrund der geringen Einsatzmengen – etwa in RFID-Chips – eine wirtschaftlich sinnvolle Wiedergewinnung nicht möglich sei.

Einschränkend sei angemerkt, dass nicht jede neue industrielle Anwendung geeignet ist, übertrieben euphorische Erwartungen auch zu erfüllen. In der Vergangenheit nahm die Markteinführung von Neuentwicklungen häufig sehr viel mehr Zeit in Anspruch, als in Studien zunächst angenommen, zudem führten nicht alle aussichtsreich erscheinenden Anwendungen zu dem prophezeiten Silbermehrverbrauch (z.B. silberhaltige Mittel zur Holzkonservierung, die sich auf dem Markt bislang nicht durchsetzen konnten).[14] Umgekehrt kann ein hoher Silberverbrauch aufgrund neuer Produktentwicklungen, die Silber verdrängen, auch wieder zurückgehen, wie das z.B. bei der Verdrängung der analogen durch die digitale Fotografie der Fall ist.

 

 
Dieser Beitrag stammt von Dr. Jochen Dehio - Fachbuchautor des Buches "Gold oder Silber - wem gehört die Zukunft?".

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