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Die Hunt-Spekulation [1] auf Silber von 1980

Eine der spektakulärsten Spekulationen der Finanzmarktgeschichte hatte ihren Ursprung in einem Buch des Bestsellerautors Jerome F. Smith.[2] Er analysierte die fundamentale Lage des Silbermarkts in den 1970er-Jahren und kam seinerzeit – wie im Übrigen auch das vorliegende Grundlagenwissen – zu der Einschätzung, dass zwischen Gold und Silber ein Preisverhältnis von 5 gerechtfertigt sei. In dem 1982 erschienenen Update seines Klassikers[3] vertrat Smith mit Verweis auf dessen große industrielle Bedeutung sogar die Ansicht, Silber könnte einmal wertvoller als Gold werden. Angelockt von den steigenden Silberpreisen, einer zunehmend prekärer werdenden Versorgungssituation auf dem Silbermarkt, des schwindenden Vertrauens in den Papiergeldstandard sowie steigender Inflationsraten, begannen Investoren sich verstärkt für den Silbermarkt zu interessieren – darunter auch die Familie Hunt.

Nelson Bunker Hunt, seinerzeit mit einem Vermögen von 16 Mrd. US-$ reichster Mann der Welt, war kein jungdynamischer, profitgieriger Finanzhai vom Typus jener pubertierenden Marktjongleure, die heutzutage gerne einmal die Finanzwelt in den Abgrund führen. Er war getragen von der Sorge, die politischen Machthaber würden durch das zügellose Anwerfen der Notenpresse sein Vermögen vernichten. Durch Käufe inflationssicheren Silbers wollte er dieses sichern, ganz im Sinne des berühmten Gold- und Währungsexperten Franz Pick,[4] und dazu beitragen, das Preisverhältnis zwischen Gold und Silber gemäß den Befunden von Jerome F. Smith auf 5 zu senken.

Die Strategie war, Silber über die Terminmärkte zu kaufen und sich physisch ausliefern zu lassen. Im Zusammenspiel mit Geschäftsleuten aus Saudi-Arabien folgte Hunt dieser Strategie. Der Silberpreis stieg im September 1979 auf 12 US-$ und hatte sich damit seit Mitte der 1960er-Jahre bereits verzehnfacht. Dies rief nun die Verantwortlichen der Terminbörsen auf den Plan, die befürchteten, dass zu viele Investoren, die auf sinkende Silberpreise gesetzt hatten, auf dem „falschen Fuß“ erwischt würden, wodurch das Finanzsystem in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Da über den Markt keine reelle Chance zu bestehen schien, etwas gegen die steigenden Silberpreise zu unternehmen, entschloss man sich, die Marktregeln zu ändern.
Es wurden zunächst die Nachschusspflichten drastisch erhöht. Im Oktober 1979 stieg der Silberpreis dennoch auf 18 US-$, bis Ende 1979 auf 32,20 US-$ pro Feinunze. Der Silberpreis war dadurch innerhalb eines Jahres um 435 Prozent gestiegen. Aufgrund dieses hohen Preisanstiegs gerieten Edelmetallhändler in Lieferschwierigkeiten. Zum Beispiel kam die peruanische Vermarktungsagentur für Silber, Minero Perú (Minpeco), im Dezember 1979 in einen Lieferengpass. Die Händler von Minpeco hatten viermal so viel Silber verkauft, wie Minpeco besaß. Nach entsprechenden Krisensitzungen, in die auch der damalige Fed-Chef Paul Volcker eingebunden war, entschloss sich die New Yorker Warenterminbörse COMEX zu einem beispiellosen Schritt: Es wurde verfügt, dass zum Börsenbeginn am Montag den 21. Januar 1980 keine neuen Silber-Terminmarktkontrakte mehr eröffnet, sondern diese nur noch geschlossen werden dürfen (9 der 23 Direktoren des für die faktische Terminmarkt-Schließung verantwortlichen COMEX-Boards kauften nachweislich Short-Kontrakte und verdienten sich durch diesen Insiderhandel eine silberne Nase). Bis Ende März 1980 sank der Silberpreis auf 11 US-$. Nunmehr drohte ein Zusammenbruch der Hunts die Finanzmärkte zu erschüttern. Die COMEX lockerte daraufhin die Bedingungen und der Silberpreis erholte sich, zudem wurde Hunt – vermittelt durch Paul Volcker – ein Milliardenkredit gewährt.

Der Kardinalfehler von Nelson Bunker Hunt war, auf den Terminmärkten mit zu viel Fremdkapital zu agieren. Dadurch lieferte er sich den Banken und dem COMEX-Board aus. Er erkannte dies zu spät und überschätzte seinen Einfluss. Da Hunt und seine Mitstreiter die Verlierer waren, wurden sie als die bösen Silberfinger hingestellt. Sie hätten den Silbermarkt zu cornern versucht, also Silber gezielt verknappt, um den Preis zu kontrollieren, wodurch sie in Kauf nahmen, die Funktionsfähigkeit des Marktes zu untergraben und das Weltfinanzsystem zu gefährden. 1988 mussten Nelson Bunker Hunt Insolvenz anmelden und wurde im August im selben Jahr wegen „Verschwörung zur Manipulation des Marktes“ verurteilt. Im Gegensatz zu Hunt blieben die COMEX-Direktoren straffrei. Die Beendung der Hunt-Spekulation ist aber auch symbolisch für das Bestreben, ein nicht nachhaltiges Finanzsystem zu verteidigen, das auf ungedecktem Papiergeld, permanenter Geldmengenausweitung und steigender Verschuldung basiert.

Silberhaussee der siebziger Jahre

In der oben abgebildeten Grafik ist zu sehen, wie sehr die Spekulationen von Hunt den Silberkurs erhöhten. Von 1978 bis 1980 vervielfachte sich der Silberkurs innerhalb von zwei Jahren von 4,85 Dollar auf 52,5 Dollar. Auch wenn der Silberkurs den Goldkurs damals nicht einholte, war der Wertzuwachs beträchtlich.

Silberhaussee der siebziger JahreDie Grafik oben zeigt den Goldkurs im Vergleich zum Gold-Silber Ratio. Als die COMEX Long-Positionen für Silber verbat, sank der Silberkurs und damit auch der vom Gold-Silber Ratio.

 

 
Dieser Beitrag stammt von Dr. Jochen Dehio - Fachbuchautor des Buches "Gold oder Silber - wem gehört die Zukunft?".

Mehr zum Autor und dem Buch

[1] Vgl. Smith, J.F. (1972), Silver Profits in the Seventies: The Economics of Silver. Economic Research Corporation, San Diego.

[2] Vgl. Smith, J.F. and B.K. Smith (1982), Silver Profits in the Eighties. The Coming Boom in Silver, Gold and Platinum. Books in Focus, New York.

[3] Der in Österreich geborene Franz Pick erlebte schon in jungen Jahren, wie die Hyperinflation in Deutschland seine finanziellen Mittel aufzehrte, was ihn prägte. Zeitlebens trat er für eine weltweite Goldwährung ein. 1940 wanderte er in die USA aus und wurde dort durch seine Währungsanalysen weltbekannt. Sein bekanntestes Buch ist The Triumph of Gold; vgl. Pick, F., The Triumph of Gold. Silver & Gold Report.