Silberrausch am Silberberg bei Virginia City

Georg Thoma aus dem beschaulichen Hinterzarten – der Onkel von Dieter Thoma, der in den 1990er-Jahren Skisprung-Olympiasieger und -Weltmeis­ter wurde – gewann 1960 als erster Nichtskandinavier die olympische Goldmedaille in der Nordischen Kombination. Austragungsort der Olympiade war ein bis dahin weithin unbekannter Ort namens Squaw Valley, unweit des Lake Tahoe in der Sierra Nevada, rund 250 km nordöstlich von San Francisco. Ein Jahrhundert bevor in Squaw Valley Sportler aus aller Welt um Gold und Silber rangen, entstand keine 50 km östlich eine Stadt, die zur Wiege des modernen Silberbergbaus und zur Westernlegende werden sollte – Virginia City.

 

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Die Gründung im Jahr 1859 verdankte Virginia City dem 2.500 Meter hohen Mount Davidson, der auch Silberberg, Sun Peak oder Berg der Verheißung genannt wurde. Der nach seinem Entdecker Henry Comstock – dem Silberkönig – benannte Comstock Lode war einer der spektakulärsten Silberfunde aller Zeiten. Mit Hilfe deutscher Bergbauexperten aus der Silberstadt Freiberg wurden mit modernen Erzgewinnungsverfahren große Mengen Silber gewonnen. Auch wenn Eldorado nie gefunden wurde, Silverado hatte man entdeckt.

Der prominenteste Bewohner von Virginia City war Mark Twain, der sich am Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn befand. Nachdem er als Silbersucher wenig Erfolg hatte, heuerte er als Reporter der örtlichen Zeitung Territorial Enterprise an. Seine teilweise spöttischen bis sarkastischen, aber immer hintergründigen Artikel sind unschätzbar wertvolle Dokumente von den damaligen Geschehnissen.

Twain nahm damit Anteil am Mythos rund um den Wilden Westen. Seinerzeit hatte die Börse bereits eine große Bedeutung. Sie spielte insbesondere in den 1870er-Jahren ebenso verrückt wie die unzähligen silbersuchenden Desperados. Twain führte hierzu aus: „Das waren fast alles Schwindelminen, und sie waren völlig wertlos, aber das wollte damals kein Mensch wahrhaben.“[1] Die damalige Situation erinnert an jene rund 125 danach, als Glücksritter im Zuge der New Economy blindlings ins astronomisch hoch bewertete, letztlich aber überwiegend wertlose Technologie- und Internetunternehmen investierten.

1873 wurde im Mount Davidson die reichste bis dahin jemals entdeckte Lagerstätte erschlossen. Dies brachte noch einmal einen Aufschwung, der aber drei Jahre später wieder erlahmte, denn eine Weltwirtschaftskrise und die Demonetisierung von Silber führten zu sinkenden Silberpreisen, gleichzeitig stiegen die Förderkosten aufgrund der nachlassenden Ergiebigkeit der Minen. Ende der 1880er-Jahre wurde die für den Silberbergbau bahnbrechende Förderung silberhaltiger Erze in Virginia City sowie in den nahegelegenen Orten Gold Hill und Silver City eingestellt. Insgesamt waren 800 km Stollen waren gebaut und bis in 1.000 Metern Tiefe 5,5 Tsd. Tonnen Silber gefördert worden.

In seiner Blütezeit hatte Virginia City 30 Tsd. Einwohner, heute sind es gerade noch 800, wobei in den Sommermonaten wöchentlich rund 50 Tsd. Menschen die legendäre Silberstadt besuchen und sie zur „lebendigsten Geisterstadt der Welt“ machen.[2]

 

 
Dieser Beitrag stammt von Dr. Jochen Dehio - Fachbuchautor des Buches "Gold oder Silber - wem gehört die Zukunft?".

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Zusammenfassung

 

 

[1] Zitiert in Ludwig, G. und G. Wermusch (1986), Silber: S. 225.

[2] Vgl. Ludwig, G. und G. Wermusch (1986), Silber: S. 213.