Weltweite Bestände an Gold und Silber

Überirdische Edelmetallbestände – Märchen und Wahrheit

Die Höhe der Bestände – wie der Ressourcen – ist für die Bewertung der Edelmetalle von großer Bedeutung. Wie viel von dem jemals geförderten Gold und Silber noch vorhanden ist, wird unter Experten kontrovers diskutiert. Entsprechende Experteneinschätzungen gehen weit auseinander. Bei Gold beziffert David Morgan die Bestände von Barren auf 60 Tsd. Tonnen, von Münzen auf 30 Tsd. Tonnen, die überirdischen Silberbestände von Barren und Münzen dagegen mit nur je 15 Tsd. Tonnen.[1] Thorsten Schulte geht mit Verweis auf das Analysehaus CPM bei Silberbarren und -münzen von je 18 Tsd. Tonnen aus.[2] Das Verhältnis der Gold- und Silberbestände in Bezug auf Barren und Münzen läge demnach bei 3 zu 1. Ted Butler sieht die Goldbestände bei insgesamt 125 bis 155 Tsd. Tonnen, die Silberbestände dagegen nur bei rund 30 Tsd. Tonnen.[3] Das Verhältnis der Gold- und Silberbestände würde demnach bei 4 bis 5 zu 1 liegen. Silberinfo.com vermutet, dass noch 90 % des geförderten Golds vorhanden ist, aber nur 10 % des Silbers.[4] Das entspräche bei dann 150 bzw. 170 Tsd. Tonnen einem Verhältnis der Gold- und Silberbestände von etwa 1 zu 1. Anderen Schätzungen zufolge betragen die überirdischen Silberbestände dagegen mehr als 600 Tsd. Tonnen.[5]

Worauf sind diese Unterschiede zurückzuführen? Überirdische Edelmetallbestände werden statistisch nicht erfasst. Die divergierenden Angaben zu den Beständen hängen mit einer unterschiedlichen Berechnung der Höhe der unwiederbringlich verloren gegangenen Edelmetallmengen zusammen. Zudem werden abweichende Abgrenzungen verwandt, was zu den Beständen gerechnet wird. So verstehen die Silberanalysten Ted Butler und David Morgan unter Silberbeständen nur die Lagerbestände einschließlich der zu Investitionszwecken dienenden ETF-Bestände.

Eifelturm-vergleich

Silber-Lagerbestände

In den 1950er-Jahren lagen die weltweiten Lagerbestände noch bei 10 Mrd. Unzen Silber (ca. 300 Tsd. Tonnen).[6] Das entsprach knapp dem 13-fachen der Minenproduktion von 2011. Diese Lagerbestände wurden seitdem sukzessive zur Schließung von Angebotsdefiziten und zur Marktpflege abgebaut. Inzwischen dürften sie nur noch etwa 1 Mrd. Unzen betragen. Die leicht mobilisierbaren Regierungsbestände betragen rund 2 Tsd. Tonnen Silber (zehn Jahre zuvor waren es noch rund 10-mal so viel). Hinzu kommen „verborgene“ Bestände, also vermutete Lager, die bei weniger als 10 Tsd. Tonnen Silber liegen dürften. Die Bestände der COMEX betrugen im November 2011 3,4 Tsd. Tonnen, die der Silber-ETFs 17,4 Tsd. Tonnen.[7]

Insgesamt belaufen sich die Lagerbestände auf etwas mehr als 30 Tsd. Tonnen, wovon der Großteil aber nicht disponibel ist, wie z.B. die zu privaten Investitionszwecken aufgelegten Silber-ETFs, da private oder institutionelle Anleger nicht dazu veranlasst werden können, bei eintretender physischer Knappheit Silber zu verkaufen. Bei Verknappungen, die gerade beim sehr engen Silbermarkt mitunter vorkommen, ist nicht zu erwarten, dass Investoren ihre Silberbestände auflösen oder Privatpersonen Silberbesteck einschmelzen lassen, da sie weiter steigende Preise erwarten, es sei denn, es kommt zu einem Anstieg, der fundamental nicht mehr zu rechtfertigende Preise hervorbringt und die Annahme einer Blasenbildung rechtfertigt, was in Erwartung eines möglichen Preiseinbruchs Verkäufe auslösen könnte.

Wenn Butler von Silberbeständen spricht, macht er nicht deutlich, dass er nur die Lagerbestände meint. Damit suggeriert er, dass es kein weiteres Silber gibt. Tatsächlich handelt es sich bei den Lagerbeständen aber nur um 5 % des überirdischen Silbers. Unseriös sind vor allem die darauf basierenden Vergleiche mit Gold, denn bei der Bezifferung der Goldbestände ist er weit weniger zurückhaltend und deklariert als überirdischen Bestand die gesamte jemals geförderte Goldmenge, egal ob von Notenbanken gehalten, als Schmuck getragen oder als Münze gehortet. Tatsächlich liegt das Verhältnis der überirdischen Bestände zwischen Gold und Silber nicht, wie von Butler unterstellt, bei 5 zu 1, sondern exakt umgekehrt, nämlich bei 1 zu 5.

Die nächste Tabelle beinhaltet eine Schätzung der unwiederbringlichen Verluste unter Berücksichtigung des Recyclings. Der Nettosilberverbrauch ergibt sich dabei aus der Nachfrage der Industrie und Fotografie ab­züglich des Recyclings der Fotografie,[8] wobei der Anteil des Nettosilberverbrauchs an der Minenproduktion der Menge des geförderten Silbers entspricht, das unwiederbringlich verbraucht wurde. Die übrige Recyclingmenge betrifft die Silberwiedergewinnung der Industrie (ohne Fotografie) und das Scrap (Einschmelzung von Altbeständen). Das zu Lasten des Altsilberbestands gehende Scrap ist für den vorliegenden Zusammenhang nicht relevant, lässt sich statistisch aber nicht vom industriellen Recycling isolieren (die Werte mit dessen Berücksichtigung sind in Klammer ausgewiesen).

Anteil des unwiederbringlichen Silberverbrauchs

Jahr

Nachfrage Industrie/ Fotografie
1

Angebot Recycling Fotografie
2

Sonstiges Recycling (Ind./Scrap)
3

Nettoverbrauch Silber
1-2(-3) = 4

Anteil von 4 an der Minenproduktion

 

in Tsd. Tonnen Silber pro Jahr

in %

1991

14,7

4,2

0,2

10,5 (10,3)

66 (65)

1995

15,7

4,2

0,8

11,5 (10,7)

76 (71)

1999

17,6

4,6

1,0

13,0 (12,0)

75 (69)

2003

17,5

4,2

1,9

13,3 (11,4)

72 (61)

2007

18,9

2,6

3,7

16,3 (12,6)

79 (61)

2011

17,2

1,4

6,4

15,8 (9,4)

67 (40)

Quelle:  Eigene Berechnungen nach Angaben des World Silver Survey (Internet-Abruf vom 01.10.2012).

Der Anteil des Nettosilberverbrauchs – ohne Berücksichtigung des indus­triellen Recyclings – lag von 1991 bis 2011 zwischen 66 % und 79 %. Nur ein Drittel bis ein Fünftel des geförderten Silbers blieb somit erhalten und erhöhte die überirdischen Silberbestände.[9] Berücksichtigt man sonstige Verluste, dürfte auf das 20. und bisherige 21. Jahrhundert bezogen der Anteil des geförderten Silbers, das erhalten blieb, nicht viel mehr als ein Fünftel betragen haben, zumal die technischen Möglichkeiten der Silberrückgewinnung vor 1990 vergleichsweise weniger ausgereift waren. Ferner ist davon auszugehen, dass von der Silberförderung des 19. Jahrhunderts, das durch die sich ausbreitende Industrialisierung geprägt war, etwa die Hälfte erhalten blieb, während von dem vor der Industrialisierung in fünf Jahrtausenden geförderten Silber noch rund vier Fünftel vorhanden sein dürften.

Gold-Silber-Ratio anhand Beständen bei 1:4,5

Daraus ergibt sich, dass von dem jemals geförderten Silber von 1,7 Mill. Tonnen noch knapp zwei Fünftel erhalten geblieben sein müssten. Der weltweite Bestand des überirdischen physischen Silbers dürfte daher rund 0,7 Mill. Tonnen betragen. Das überirdisch noch vorhandene physische Gold entspricht aufgrund des relativ unbedeutenden industriellen Verbrauchs und des gegenüber Silber deutlich höheren Werts noch rund 90 % der jemals geförderten Goldmenge, also rund 0,15 Mill. Tonnen. Gold und Silber liegen somit in überirdischen physischen Einheiten gerechnet in einem Verhältnis von 1 zu 4,5 vor – und nicht umgekehrt, wie Ted Butler behauptet. Gold ist aber dennoch weit weniger knapp als Silber, da die überirdischen Goldbestände für 33 Jahre der Goldnachfrage von 2011 reichen, die Silberbestände dagegen nur für 21 Jahre der Silbernachfrage.

Noch verfügbare Silber- und Goldbestände ergeben ein Gold-Silber-Ratio von 1:4,5

Warum ist die Kenntnis der Höhe der unterirdischen Edelmetallressourcen und der überirdischer Edelmetallbestände eigentlich von so großer Bedeutung? Das hängt damit zusammen, dass sich aus der Relation der Ressourcen bzw. Bestände zur Förderung bzw. zur Nachfrage auf die ökonomischen Knappheitsverhältnisse der Edelmetalle schließen lässt, die sich wiederum maßgeblich auf die künftige Preisentwicklung auswirken (Historische Entwicklung der Gold und Silberpreise sowie Gold-Silber-Ratio).

Die unterirdische Ressourcenbasis (Reserve Base) spiegelt dabei das künftige Förderpotenzial zur Deckung der Edelmetallnachfrage wider, wobei ein entscheidender Faktor ist, dass von dem Gold in der Erdkruste ein höherer Anteil in angereicherter Form vorliegt und damit wirtschaftlich abgebaut werden kann. Zudem sind die Goldvorkommen in tieferen Bodenschichten angesiedelt, sodass das bislang unentdeckte Ressourcenpotenzial höher sein dürfte als beim oberflächennäher vorkommenden Silber. Daher ist Silber, legt man die Höhe der jährlichen Förderung zugrunde, in Bezug auf das Ressourcenpotenzial knapper als Gold. Die Bestände können mittels Bestandsumschichtungen ebenfalls als Potenzial zur Befriedigung der künftigen Nachfrage angesehen werden, da z.B. Investitionsbestände für Indus­trieanwendungen eingesetzt werden könnten. Die Umschichtungspotenziale sind beim primär der Hortung dienenden Gold daher höher als beim Silber, das Verbrauchspotenzial u.a. aufgrund der bedeutsamen industriellen Silberanwendungen dagegen geringer.

Hälfte der weltweiten Goldbestände entfällt auf Schmuck

Vom weltweiten Goldbestand entfällt übrigens die Hälfte auf Schmuck, ein Fünftel auf Notenbanken, eineinhalb Zehntel auf Barren und Münzen sowie ein Zehntel auf Kunstgegenstände.[10] Viele unschätzbar wertvolle Kunstexponate bestehen aus massivem Gold, wie z.B. die berühmte Totenmaske des Tutanchamun, neben Leonardo da Vincis Mona Lisa das vermutlich bedeutendste Kunstwerk der Welt. Die mehr als 3.300 Jahre alte Maske blieb als eine der wenigen Grabbeigaben der ägyptischen Pharaonen vom Zugriff von Grabräubern verschont und ist ein absolutes Meisterwerk der Goldschmiedekunst.[11] Deutschland verfügt über etwa 12 Tsd. Tonnen Gold, von dem 32 % auf Münzen und Barren (78 Gramm pro Kopf), 29 % auf Schmuck (58), 28 % auf Notenbanken und 11 % auf goldbezogene Wertpapieranlagen entfallen.[12]

9/10 der Silberbestände sind Schmuck, Kunst & Silberwaren

Der weltweite Silberbestand setzt sich zu neun Zehnteln aus Schmuck, Silberwaren und Kunstgegenständen zusammen, zu einem Zehntel aus Münzen und Barren. In Deutschland sind von den 52 Tsd. Tonnen Silber 20 % Münzen und Barren (153 Gramm/Kopf), 19 % Tafelsilber (144), 17 % Schmuck (127) und 45 % silberbezogene Wertpapieranlagen (u.a. Fonds, Zertifikate, Aktien).[13] Insgesamt ist nur etwa 0,3 % des Vermögens der Deutschen in Silber allokiert.

 

 
Dieser Beitrag stammt von Dr. Jochen Dehio - Fachbuchautor des Buches "Gold oder Silber - wem gehört die Zukunft?".

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Zusammenfassung